Armes Deutschland

Armes Deutschland - Steckbrief

ARMES DEUTSCHLAND (1981) wurden von wohlwollenden Kritikern mit den frühen (punkigen) ABWÄRTS verglichen. Die Band existierte leider nur etwa ein Jahr, Höhepunkt war sicherlich der Auftritt beim Punk-A-GoGo Festival im November 81 in der Münchner Alabamahalle. Von ARMES DEUTSCHLAND sind nur 4 Songs erhalten, die live bei diesem Festival mitgeschnitten und auf zwei Samplern veröffentlicht wurden.

Geschichte

erzählt von Daniel Nejmirok (Sänger):

"1981: Aufbruch! Die Neue Musik, die Neue Mode eroberte alle Bastionen der Kultur. Und ich saß direkt an der Quelle - als Plattenverkäufer im Stachus-Musik, der die New-Wave / Punk - Abteilung betreute, war ich über jede neue Entwicklung im Punksektor sofort informiert. Das beste war jedoch, dass wir auch Platten und MC's von Münchner Bands verkauften - diese brauchten ihre Ware nur zu uns bringen. Da der Stachus - Musik Münchens größter Plattenladen war (WOM gab's noch nicht) war auch ein Abverkauf im Eigenvertrieb so gut wie garantiert - der "Beliebte Melodien aus dem deutschen Süden" - Sampler ging weg wie warme Semmeln, und die erste MARIONETZ - EP wurde den Verkäufern geradezu aus der Hand gerissen. Dazu kam, dass die Chefs des Ladens Promotion für jene Scheiben machten, indem sie für "Sounds" und "Gorilla Beat"(UK) Rezensionen schrieben. Nun ja, immerhin arbeiteten Sigi Hümmer und ich ja dort... Mit anderen Worten: der ganze Laden war eine Art Brutstätte für Münchner Bands; kein Tag verging, an dem nicht irgendwer vorbeikam und ein neues Fanzine vorbeibrachte, ein neues Projekt vorstellte oder neue Leute für eine neue Band suchte.

Nachdem ich Ende 1980 aus ZSD ausgestiegen war, suchte ich im Frühjahr 1981 ein neues Projekt. Detlef Just (Justy), der bei uns im Lager arbeitete, wollte nach seinem Ausstieg bei den NOTES ebenfalls etwas Neues auf die Beine stellen. So kam es, dass wir es gemeinsam probierten. ARMES DEUTSCHLAND, so hatten wir uns gedacht, sollte anders sein als das, was wir bisher gemacht hatten. Punk, aber kein Bierpogo, neu und kantig, aber kein unanhörbarer Avantgarde, deutsch und tanzbar, aber keine kindische Spaß-muß-sein-NDW. Mir schwebten ein wenig Velvet Underground auf Deutsch vor, doch diese Idee verwarf ich sofort, als ich FSK sah. Dieser Platz war schon besetzt!

Schon beim ersten Proben war der Song "Endzeit" entstanden; es war Justys Stück, und zweifellos hatte es Hitpotential. Von da an war es nicht mehr lange hin zu unserem ersten Auftritt in Ampermoching. Wir eröffneten als erste Band ein Benefiz-Festival, nach uns kamen THE SCHROTT, als Headliner dann CORPUS CHRISTI. Die Resonanz auf unseren Auftritt war etwas verhalten; ich hatte den Eindruck, der Sound war einfach ungewohnt. Justys sägenden, stets funkigen Gitarrenattacken erinnerten an die erste GANG OF FOUR-LP. Da war Stimmungsmucke wie die von THE SCHROTT natürlich publikumstauglicher! Machte nichts, wir fühlten uns bestätigt.

Es folgte kurze Zeit später ein weiterer Gig in Ampermoching - diesmal mit TOLLWUT, Michi Sailers erster Band, zusammen. Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, jedenfalls sagte ich, als wir auf die Bühne kamen: "Hallo. Wir sind Tollwut!" Michi fand das nicht lustig. Sein Publikum fand es nicht lustig. Niemand fand es lustig. Alle waren sauer. Jetzt hatten wir auch ein Image, auf dem sich gut aufbauen ließ: ein Haufen Arrogantlinge, denen ihr Publikum scheißegal war! Entsprechende Berichte fanden sich in den Fanzines "Blitz" und dem "Zlof".  Egal, es folgen weiterhin Auftritte in Ampermoching.

In jener Zeit begann auch meine Freundschaft mit Tommi Davis, dem Sänger von THE MARIONETTES. Da diese gerade keinen Übungsraum hatten, übten sie einmal bei uns im Übungsraum - danach kam eine unglaublich gute Session unserer beiden Bands zustande; leider existieren keine Aufnahmen davon. Kurz danach traten wir gemeinsam (natürlich in Ampermoching) auf. Es war ein Gig, der im Chaos endete - nach etwa einer Stunde, als THE MARIONETTES spielten und Tommi, wie üblich, währenddessen das Publikum provozierte, packte der Gitarrist Flo seinen Kram zusammen und verließ die Bühne! Tommi rief mich auf die Bühne. Stockbesoffen erklomm ich diese, und wir brachten immerhin etwas zustande, das an die STOOGES in ihrer Endphase erinnerte. Wenn ich daran zurückdenke, sehe ich nur traumartige Bilder delierischen Wahnsinns. Hier etwa bildeten sich die Wurzeln zu unserer späteren Band THE DROOGS.

Mir wurde langsam klar, dass ich wieder andere Musik machen wollte; der US - Punk übte eine immer größere Faszination auf mich aus. Alles klang so hochenergetisch, wild und unverbraucht, während der GB-Punk in der totalen Krise steckte, und ich mit Bands wie EXPLOITED und GBH nichts anfangen konnte. Auch zwischen Justy und mir kriselte es, denn meine musikalischen Ideen stießen bei ihm auf Widerstand.

Dann kam DER Auftritt schlechthin: Punk a Go-Go in der Alabamahalle. Fernsehaufzeichnung! Der Soundcheck am Nachmittag war ein Erlebnis der besonderen Art: Ein glatziger alter Mann hüpfte auf der Bühne schimpfend und schreiend hin und her. Es stellte sich heraus, dass es sich hierbei um den Regisseur des BR handelte! Glücklicherweise hatten wir mit Stephan, einem unserer Chefs vom Stachus-Musik, einen professionellen Mixer an Board; er war immerhin schon für BIRTH CONTROL tätig gewesen. Stephan fragte den Regisseur, ob dieser wegen seines ewigen Theaters "noch ganz frisch in der Birne" wäre. Gerade als der zornesrote Regisseur zu einer Antwort  ansetzen wollte, erschütterte die Halle das entsetzlichste Gebrüll, das ich je vernommen hatte. Man stelle sich 10 Elefanten vor, die gleichzeitig ihren lautesten Brunftschrei in eine 50000 Watt- Anlage trompeten. Dann in etwa erahnt man, was FKK STRANDWIXER-Frontmann Alfred Steinau frohen Herzens als "Gesang" bezeichnete. Ab diesem Zeitpunkt jedenfalls war jede Verbissenheit und Wichtigtuerei seitens der BR Crew über Bord. Alfies Schocktherapie wirkte Wunder!   

Der Auftritt an sich wurde dann unser vorletzter - es gab noch einen mit SCUM zusammen, dieser war aber eher deprimierend. 

Wir lösten ARMES DEUTSCHLAND im Frühjahr 1982 auf. Doch für mich ging es jetzt erst richtig los..."

München, Januar 2014

Besetzung

Gesang: Daniel
Gitarre: Justy (R.I.P)
Bass: Ama
Schlagzeug: Stone

andere Bands

Daniel: JUNKS, ZSD, THE DROOGS, VIETKONG, IN COLD BLOOD, V2-SCHNEIDER
Justy: NOTES
Stone: LAND OF SEX & GLORY

Diskographie

Sampler

  • V.A. Es Klebt Am Schuh / Mitschnitt vom Punk A GoGo Festival, Nov. 1981, CD, S&S
    Armes Deutschland – Egal     
    Armes Deutschland – Geld     
    Armes Deutschland – Endzeit     
    Armes Deutschland – Hiroshima Countdown
  • V.A. München In Punk-Rock 1979-82, LP, Loud, Proud & Punk, 1996

Weblinks

http://www.v2-schneider.com/

Tags: ZSD, Armes Deutschland, Junks, In Cold Blood, Vietkong, V2-Schneider