Interview Chris Void / Pearls for Pigs

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Pearls for Pigs haben sich aufgelöst! Interview mit Gitarrist und Sänger Chris Void

'Tja, unsere Band Pearls for Pigs ist praktisch sanft entschlafen – und ich weiß eigentlich nicht, warum. Naja, doch: letztendlich ist wohl irgendwie die Luft raus gewesen. Vorletztes Jahr, da war das noch ganz anders, da war noch richtig Energie da. Aber nach dem Auftritt in der Muffathalle, da sind dann die Proben ausgefallen, eine nach der anderen, der Ben hatte immer mehr und mehr Schwierigkeiten, was weiß ich. Ich hab ja nicht mal mehr Kontakt mit denen, mit Ben und Gringo. Der Gringo hat sich im August dann mal gemeldet, ne eMail von wegen, 'was ist denn los'?...

pearlsforpigs... Aber da wollte er im Prinzip auch nur, dass ich seine andere Band oder sein anderes 'Projekt' filme. Der Ben hat irgendwie den Kopf total in den Sand gesteckt, ich weiß nicht, der hat wohl viel zu viel mit seinem eigenen Leben zu tun. Bei mir war es echt so, dass ich schon angefangen hatte, den Tonmitschnitt aus der Muffathalle, das ganze gute Material zu mischen – und irgendwann saß ich da und fragte mich: 'Was mach ich denn da eigentlich? Ich sitze hier herum und arbeite und keiner sagt 'Danke!' – nicht mal das! Keiner sagt 'gut' oder 'schön'... Und sonst kam auch nichts mehr. Dann kam auch so überhaupt kein Feedback von irgendwelchen Leuten, gar nichts, da war nur noch Leere.

Mir ist das dann wirklich aufs Gemüt geschlagen und irgendwann ist das auch körperlich geworden, diese ganzen Psycho-Geschichten. Ich hatte nicht mehr die Kraft oder die Lust, die Leute zu motivieren, ständig zu sagen: 'Was ist los, was machen wir? Wir haben da ein neues Album rausgebracht, das muss raus!' Das muss doch auch irgendwie ein bisschen von den Leuten selbst kommen, oder? Ich kann einfach nicht alles alleine machen, und ich habe wirklich ALLES gemacht. Im Juli bin ich aufgewacht in der Früh irgendwann, ich war erst mal ziemlich fertig und völlig frustriert und auch richtig aggressiv drauf. Das hat mir selbst auch so geschadet, da hab ich mir gedacht: 'das kann es doch nicht sein!' Irgendeiner muß dann sagen: 'Nein, das war’s!

feierwerk4-11-06Zum einen war das mangelnde Engagement der Bandmitglieder schuld an unserem Ende, zum anderen aber auch das fehlende Feedback von den Leuten, von Labels zum Beispiel. Da war nichts, die tun immer so, als gäbe es Millionen bessere Bands – aber das glaube ich nicht. Wir hätten ein Kindermädchen gebraucht, einen richtigen Manager. Das wär’s gewesen, jemand, der ein bisschen von der Drecksarbeit wegnimmt, womit sich eine Band einfach nur aufhält. Wenn du als Band mit Veranstaltern telefonierst, das ist nicht grad kreativ. Das wird dir jeder Musiker sagen, die meisten können sich auch nicht richtig gut vermarkten. Ich mein, was willst du auch, du musst zum Veranstalter hingehen, ihn überzeugen und sagen: 'Hey, die Band ist total super, die Tollsten, die Besten.' Und dann meint der Veranstalter: 'Mei, bist du bei der Band, ja dann…' Wenn da ein Manager anruft, ist das was ganz was anderes, als wenn der Band-Depp selbst anruft. Moralisch ist das Ganze nicht so political correct, wie das die Leute gerne hätten und wie sie alle immer tun. Im Endeffekt funktionieren im Punkbereich die ganzen Statussymbole genauso.

Keiner möchte mehr Festgagen zahlen, am besten sollen die Bands umsonst spielen oder gegen Spritkohle. Als Veranstalter muss ich mir aber immer im Klaren sein, dass die Band Kohle zu kriegen hat, völlig klar. Ich kann doch wirklich nicht davon ausgehen, dass die alle umsonst spielen. Aber es gibt auch immer noch genug Bands, meist junge Bands, die umsonst spielen, für Spaß halt. Es gibt auch viele ältere Bands, die finanziell abgesichert sind, die sich diesen Spaß dann auch leisten können, die machen das dann wie ein Hobby. Das ist ja nicht verwerflich, aber da können wir halt nicht mithalten. Beim Gringo, der legt als DJ auf – und zwar immer am Freitag und am Samstag. Wenn wir Freitag oder Samstag spielen, dann fehlen ihm die Einnahmen als DJ wirklich für die Miete. Wir sitzen halt in dieser Falle mit drin, dass wir überleben müssen, und wir sind nun mal keine Kiddies mehr. Da gibt es keine Eltern mehr, die das Ganze auffangen. Wir krebsen ja alle nur so rum…

Für Kiddies ist das alles auch noch sensationell, aber nach dem zehnten, zwanzigsten Konzert, da ist zwar alles noch toll, aber du überlegst dir schon: 'Mensch, das letzte Mal hab ich draufgezahlt, das vorletzte Mal hab ich auch schon draufgezahlt…' Ich hab einmal ein Konzert im Substanz nachgerechnet, was hatten wir für Unkosten, was haben wir eigentlich daran verdient und so weiter. Naja, letztendlich konnten wir uns jedem 17 Euro ausbezahlen. Da kommen Kosten für die GEMA, Miete für PA, Kosten für den Fahrer, fürs Benzin, für den Mischer, dann ist dem Ben das Fell von der Bass-Drum gerissen, das kostet auch nen Haufen Geld, ein Satz Saiten für die Gitarre kostet fünf Euro, ein Satz Bass-Saiten kostet 30 Euro, Sticks kosten einen Zehner… Selbst wenn man das Billigste vom Billigsten nimmt, hast du einfach laufende Kosten.

Bei einer Countryband zum Beispiel ist das anders, die kannst du leicht buchen und überall spielen lassen. Die hält mal schnell den Hut auf, das ist alles leichter zu handhaben, die haben auch nicht viel Equipment. Diese ganzen Folk- und Blues-Clubs, wo ich jetzt auch ein paar Male gespielt habe, die zahlen dann aber auch gut. Das ist meistens ein älteres Publikum, die wissen halt, wie es ist, die kennen dieses ganze Platten- und CD-Gedöns, und die zahlen auch, da legt auch das Publikum noch was hin, weil die den Gegenwert noch sehen, nicht nur diese Konsumhaltung.

Die Leute wollen alles umsonst haben. Ich weiß nicht, wenn ich jetzt so 15, 16 wäre, ob ich anders wäre, das ist schwierig, weil die ganze Gesellschaft heute so ist. Wenn ich sehe, ich kann mir Filme übers Internet anschauen, bevor sie ins Kino kommen, weil sie irgendjemand runtergerippt hat, oder kann mir die Platte schon irgendwo runterladen, bevor sie überhaupt rauskommt – das ist klar, da siehst du den Gegenwert einfach nicht mehr, dass da unglaublich viel Arbeit und auch Geld dahinter steckt. Wenn das nur noch auf der Schiene läuft, dann geht das nicht mehr, dann wird sich das alles nicht mehr finanzieren. Das ist natürlich doof. Es hält sich ja nur noch, weil die Musiker so idealistisch sind und so viel Spaß dabei haben und auch was machen. Aber wie gesagt, über längere Zeit geht das nicht – so zwei, drei Jahre ist das wurscht, da kann man das machen.

Das Jammern nervt mich total, das hat für mich nichts mit Punkrock zu tun. Gerade am Anfang meiner Punkzeit musste ich mir viel verkneifen, weil ich kein Geld hatte. Michi (Pisswürfel) meinte letztens, ich hätte große Lücken in meiner Plattensammlung. Ja, mein Gott, die Platten, die ich damals gern gehabt hätte, die konnte ich mir damals nicht leisten. Aber ich war doch nicht irgendwie angepisst, ich hab mir halt gedacht, na ja, schade. Wir sind damals auch vor Konzerten rumgelungert und haben gewartet, ob wir so irgendwie reinkommen, das ist normal. Aber wenn es ein wichtiges Konzert war damals, dann haben wir uns das alles eben abgespart. Und ich hab mir die Sachen rausgesucht, die mir wichtig waren, dafür hab ich mir dann Kohle auf die Seite gelegt und eben auf andere Dinge verzichtet. Ich hatte allerdings auch keine laufenden Kosten für Handy und Internetanschluß, das sind doch für Jugendliche riesige Beträge, wenn man sich das überlegt. Ich kann heute immer noch ohne Handy leben, das spart mir einen Haufen Kohle, glaub ich. Ich bin erreichbar, ich habe ja einen AB. Dass die Leute wenig Geld haben, okay, aber jeder, der arbeitet, einen Job macht, der möchte ja auch dafür bezahlt werden. Nicht, dass ich das Musikmachen an sich als Job sehe, aber all das Außenrum, was die Leute nicht wahrnehmen, das ist tatsächlich ein Job.

Ich hab die ganzen Sachen, die du nebenher finanzierst, wie Flyer machen, Demo-CDs machen, die Filmchen und so weiter, die hab ich ja selbst gemacht, aber wenn du Material kaufst im Laden, die wollen ja da auch Geld dafür. Und der Proberaum kostet auch Geld, der hat uns im Jahr 1800 Euro gekostet. Das hat sich in den letzten paar Jahren verändert, mit den Pearls for Pigs konnten wir uns anfangs wirklich gut über Wasser halten. Da gab es ab und zu auch noch Festgage, da ist wirklich was reingekommen, dann kamen auch noch Leute, die damals glaub ich auch noch ein bisschen konzertfreudiger waren… Da war das so, dass sich das alles selbst finanzieren ließ. Da gab es was für den Proberaum, das Auto war bezahlt meistens und die erste CD, die haben wir selbst finanzieren können.

cd-greatesthits cd_nudgenudge-k a Pig in a Poke

Es gab von den Pearls for Pigs drei reguläre CDs: die 'Greatest Hits Vol. 3', das war die erste, dann die 'Nudge, nudge, wink, wink – know what I mean, say no more' und die 'A Pig in a Poke'. Dazu diese vielen Geschichten, die auf Samplern gelandet sind – viel davon auch bei euch, bei Aggressive Noise. Ich hab da keinen Überblick mehr, was wir bei euch veröffentlich haben, das ist schon eine Menge. Wenn man die unveröffentlichten Stücke noch zusammenschieben würde… Nein, offiziell sind es drei reguläre CDs. Wir hätten aus dem Material, was wir letztes Jahr in der Muffathalle mitgeschnitten haben, schon eine schöne live DVD und CD machen können. Eigentlich alles perfekt!


Tracklist: cd-piginapoke
1. I Don't Care
2. It's Only Punk Rock, But We Like It
3. Voices
4. This Drags Me Down
5. Duck & Cover
6. Fear
7. Worker
8. Arthur Pale
9. You'Re The Girl
10. No Better Man
11. Happy?
12. Still No Future
13. I Hate You
14. Know What I Mean, Say No More
15. Money


Die Scheibe 'A Pig In A Poke' ist 15.000 Euro wert. Ich hab das nachgerechnet, wenn man die Arbeit nimmt, die ich da reingesteckt habe, dann kommt man auf fünfzehntausend Euro. Ich bin wirklich sechs Wochen dran gesessen, hab jeden Tag was gemacht, noch vor der Arbeit, vor der Nachtschicht dann vier oder sechs Stunden noch an der Scheibe gearbeitet. Das war durchgehend ein Haufen Arbeit. Ich bin ja so, ich fang einfach an zu arbeiten, und dann, wenn ich was brauche, dann zahl ich halt dafür. Mir ist das dann egal, ich will, dass das fertig wird, dass das eine gute Platte wird. Das sind aber hauptsächlich alles Studiokosten. Der einzige Vorteil ist halt, dass ich selbst das Studio habe, aber das ist auch nicht vom Himmel gefallen, das musste ich mir ja alles erarbeiten und das verursacht auch Kosten. Das ist das Traurige, das sind immer die Sachen, wo so viel Arbeit drinsteckt. Da geht es dann einerseits natürlich um das Geld, es geht aber auch um die Arbeit.

Die Leute sollen euch diese verdammte Platte abkaufen! Die ist nämlich richtig gut! Die sollen ihre Bands besser behandeln, die noch leben, und nicht nur irgendwie auf die Toten abfahren. Es gibt schon ein paar Sachen, die mich ärgern. Die Leute sollen ihre Bands gut behandeln, denn auf lange Sicht geht es nicht so. Es wird eine Band nach der anderen wieder verschwinden, wenn sie merken nach ein paar Jahren, mein Gott, es springt nichts raus dabei – und da mein ich nicht nur kohlemäßig.

Das wirklich Ärgerliche ist ja: Die 'A Pig in a Poke' CD ist einfach Wahnsinn! Ich selbst find die richtig klasse, da ist kein Ausfall drauf, das ist geil. Ich denk mir immer, Mensch, so ne Produktion, die setzt Energien frei, aber im Endeffekt glaub ich, dass die Musiker sich dann sagen: 'So, jetzad hammas'. Aber in Wirklichkeit haben sie gar nichts. Ich kann das nicht verstehen, ich muß mir als Musiker doch überlegen, ob ich jetzt da was mache oder nicht, ob das auch Sinn macht. Wenn ich sowieso nur da bin, um Spaß zu haben, dann brauch ich doch nicht eine solche Produktion machen, dann mach ich ne kleine Demo-CD.

Bei uns war die Diskrepanz so ärgerlich, die zwischen dem Musikalischen und dem, was dann tatsächlich passiert ist. Weil musikalisch sehe ich Pearls for Pigs ganz woanders, da müssten wir schön auf Tour gehen und unsere Platten verkaufen… Wir müssten ja nicht gleich Popstars werden, das muß ja nicht sein, aber es gibt auch noch was dazwischen, einen Weg dazwischen, wo sich das Ganze trägt, wo die Leute alle zufrieden sind, wo die Veranstalter zufrieden sind, das Label zufrieden ist und wir trotzdem überleben können.

flyer-festival-2Als ich vorletztes Jahr mit Sigi und Django bei den Marionetz zusammenspielte, da haben wir mit den Pearls for Pigs auch eine kleine Auszeit genommen … Bei den Marionetz war es so, dass die Struktur wieder richtig war. So hab ich die Marionetz gemocht – als Trio. Die beste Besetzung, das waren einfach Günther, Django und Sigi. Das war stimmig. Das, was der Sigi danach mit den Marionetz gemacht hat, das war manchmal ein bisschen komisch. Und wir haben das vorletztes Jahr wieder auf den Punkt gebracht. Aber der Sigi fing dann plötzlich wieder an, dass er eben keinen Rock'n'Roll mehr machen möchte und schon war es wieder vorbei.

marionetz-3Das ist ja das Absurde, er hat ja mit unserer Konstellation auch richtig geworben, von wegen 'Motörhead-Besetzung' und wieder Rock'n'Roll und so – aber wahrscheinlich war das genau der Punkt, wo ihm alles zu tough war. Vielleicht war ihm auch der Django ein bisschen zu tough, weil der Django ist schon ein harter Hund, da kommt dann das Sensibelchen Sigi nicht mehr so damit klar. Mensch, aber mit den Marionetz hätte auch mehr passieren können! Ich weiß auch nicht, irgendwas stimmte einfach nicht, falsches Timing vielleicht, falscher Ort? Da hätte schon was gehen können… Und bei den Pearls for Pigs hätte auch was gehen können, da hätte was gehen müssen. Das ist ja die Diskrepanz, musikalisch gibt es überhaupt keine Zweifel und überhaupt kein Problem. Gringo und Ben sind wahnsinnig gute Musiker, und das war alles tight und tough und richtig auf den Punkt.

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Fotos: Andreas Karg

Zu Melody Lee Zeiten und auch am Anfang mit Pearls for Pigs, sagten wir: 'Wir spielen alles, was geht, wirklich alles!' Allerdings war es früher so, dass wenigstens ab und zu mal eine Gage mit dabei war. Mit Pearls for Pigs haben wir am Anfang mal ein Konzert gegeben, in der Hochburg der kommunistischen Bewegung in Wien, die haben uns richtig gute Gage bezahlt, mit der Begründung, dass sie wissen, dass es für uns als Band schwierig ist und dass es uns als Band hilft. Die wollten uns gerade dadurch eben unterstützen, die haben dafür gesorgt, dass das Geld an die Bands geht. Das geht sowieso meist fürs Auto drauf, fürs Benzin und so – und wenn mal was übrig bleibt, dann zahlt man damit eben den Proberaum oder die Stromrechnung. Das gab es früher noch, dass die Leute sagten, ihr bekommt 300 Euro Gage, weil wir wissen, es kommen bestimmt 100 Leute. In den letzten Jahren ist so etwas weggebrochen.

1-flyerneokellerflyerDas letzte Jahr der Auftritt in der Muffathalle, der war wirklich grandios. Dann auch der Auftritt im Juli 2006 mit Friendly Fire im Neokeller, das war echt ein unglaubliches Konzert. Das hat man gesehen, dass das auch funktioniert! Auch das erste Konzert, was wir 2004 im Theatron gegeben haben, das war gut – was Großes, richtig popstarmäßig… Das war das erste Konzert mit der neuen Besetzung, also mit Ben und Gringo. Das war schon richtig saftig, und gut gespielt. 

Kurios war ein Auftritt im 'Route 66', dem Freizeitheim in Haar, wo nur zwei Leute kamen – einer war der Mister Betonohr (R.I.P.), den hatten wir mitgenommen. Das war an einem Sonntagnachmittag, 17:00 Uhr, damit die Jugendlichen nicht so spät nach Hause kommen – und die Jugendlichen sind aber nicht zum Konzert gekommen, die haben den Termin überhaupt nicht angenommen. Das Beste war, der Raum, in dem die Konzerte stattfanden, der lag im Parterre, und oben im ersten Stock, da gab es noch einen Raum, das war der erste Pisswürfel-Übungsraum gewesen, vor inzwischen 30 Jahren! Den hatten wir damals so über eine Soz-Päd-Geschichte bekommen, von wegen 'die wilden Punks sollen ihre Energien kanalisieren'. Das ist auch gut gelungen, der Raum sah am Schluss aus wie eine Wüste – die haben dann dem Michi noch jahrelang Rechnungen geschickt für Renovierung. Das war lustig, dass wir dann mit den Pearls for Pigs unten drunter spielten, irgendwie wie eine Rückkehr. Trotzdem nur zwei Leute da waren, haben wir das ganze Konzert gespielt, na ja, vielleicht nicht das volle Programm, aber trotzdem gut aufgespielt. 

Manchmal passieren solche Gigs. Einmal sind wir mit Melody Lee nach Berlin gefahren, das Wetter war lange ungefähr so wie jetzt im März – alles madig irgendwie. Genau das Wochenende war dann das erste, wo es so richtig heiß wurde, knapp 30 Grad! Natürlich war keine Sau da. Dann hat man aber sein Zeug schon aufgebaut, und dann spielt man auch, dann macht man halt Party mit den Leuten. Mit den Pearls for Pigs gab es eigentlich nie so richtig miese Konzerte, wo man sagen könnt, das ist so richtig in die Hose gegangen. Der Auftritt in Wien war für die Pearls for Pigs der Auftritt, der am weitesten von München entfernt war. Ich hätte gern auch noch in Hamburg gespielt, das wäre dann weiter weg gewesen, aber das haben wir nie geschafft. Mit Melody Lee sind wir weiter herumgekommen, in ganz Deutschland damals.

cv-theatron-2Die erste Besetzung, das war mit Sabine am Bass und mit dem Meikel am Schlagzeug, das war die Besetzung vom Simon '77 Festival, die Farewell-to-Heaven Tour. Ursprünglich war geplant, nur das eine Konzert zu spielen, aber das hat dann so viel Spaß gemacht! Die Sabine ist eine, die gibt auch was zurück, die macht auch was. Da hat man dann den Meikel gut mitziehen können – bei 3-Mann-Besetzungen ist das wichtig, denn das ist eine fragile Angelegenheit. Wenn zwei Leute was machen, kann man den Dritten gut mitziehen – aber wenn nur einer was macht, kann man nicht die anderen zwei noch mitziehen, das geht irgendwie nicht. Dann gab es noch ein Jahr lang eine Zwischenbesetzung, wo der Ben Bass spielte und der Lex Schlagzeug. Das war musikalisch ein bisschen anders. 

Es gab diese 3 Line-Ups in den 10 Jahren – bei Melody Lee gab es 10 Line-Ups.Bei Melody Lee war es auch so: sobald ich merkte, da ist ein Musiker, der nicht so recht Bock hat, suchte ich mir sofort einen neuen. Irgendwann hab ich das geändert, hab mir gedacht, okay, ich geb den Leuten mal ein bisschen eine Chance, die müssen doch checken, was los ist, die müssen doch schnallen, dass da was geht. Der Meikel zum Beispiel, der hat dann seine Ausbildung zum Masseur gemacht, und man hat einfach gemerkt, dass da bei ihm dann die Luft rausging. Das war das Ende von der ersten Besetzung – auch nach einer Platte. Eigentlich sollte ich das vorher wissen ...

 
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Pearls for Pigs - Stammbaum

Für mich ist das nicht so, dass ich sagen würd, ich hab keine Lust mehr auf Pearls for Pigs – sondern ich habe prinzipiell keine Lust mehr darauf, Musik mit anderen Leuten zu machen. Weil es in den 25 Jahren wirklich nur ganz wenige Musiker gab, die sich engagiert haben, die meisten lassen sich mitziehen. Das ist ja nicht das erste Mal, du musst die meisten ständig mitziehen, motivieren – das hält dich dann auf und schränkt dich ein… Das ist auch Eigenschutz, ich spiele jetzt nur noch alleine. Da kann ich dann wenigstens alles spielen, das ist dann ein Mischmasch aus meinem Solozeug, aus 'Pearls for Pigs', aus 'There aren’t any sheep in Mongolia' und 'Melody Lee'… Jetzt spiel ich solo, da spiel ich, wo es geht.

Das ist witzig, denn da kann ich zum Beispiel so was machen wie bei den Gumbabies, bei ihrer Plattenpräsentation. Da hab ich mir auch gedacht, 'Mensch, die Jungs machen da eine Riesenparty, ich spiel da bei deren Releaseparty, aber meine eigenen Band kriegt den Arsch nicht hoch für so was…' Naja. Gut, ich kann auch ganz was anderes machen, ich hab letztens auch mit einer Berliner Jazzpopband gespielt. Stilistisch bin ich jetzt viel variabler, kann mich in einem Jazz-Umfeld, in einem Hippie-Umfeld, in einem Folk-Umfeld und natürlich auch in einem Punk-Umfeld behaupten. Vielleicht spiel ich demnächst, im April, in der Glockenbachwerkstatt beim Fish’n’Blues, wenn der Stani das hinbekommt. Was ich auch noch mache: ich spiele so Sessions, Jam-Sessions. Das ist klasse, da muß man nicht proben, man kommt einfach hin und spielt und geht wieder. Da gibt es kein Drumherum – eine Band ist immer viel Arbeit.

 

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Musikalischer Stammbaum von Chris Void

cv-theatron-1Mein Tonstudio Garageland läuft gut vor sich hin, im Schnitt eine Produktion im Monat. Insgesamt waren es so 300 Bands in 20 Jahren. Das ist alles jetzt relativ klein geworden, aber das reicht auch. Momentan mach ich den Stani mit Bäng! und ein Hörbuch für Kinder, das ist auch fast fertig. Demnächst wollte der Michi mit seinen Violent Nuns kommen, der hatte letztes Jahr schon angefragt. Die Micha von den Hi Tops hat eine neue Band, die wollen auch irgendwas aufnehmen, und von Schmerzgrenze hab ich auch eine Anfrage. Mit dem Studio, da geht es aber eigentlich nur darum, dass ich die Unkosten für die Räumlichkeiten und den Proberaum, inklusive Strom und Gas und Wasser und Toilettenreinigung und so Zeug zahlen kann. 

Wie viele Münchner Bands durch mein Studio gegangen sind, das ist schon der Wahnsinn. Am Anfang war das ja praktisch komplett die gesamte Alternative-Szene – außer Notwist und noch irgendeiner Band waren eigentlich alle bei mir. Naja, Notwist waren damals schon ganz weit vorn, die haben so etwas nicht gebraucht, aber die ganzen anderen Kiddies. Das Witzige war: mein Studioeinstieg war ja praktisch diese Alternative-Bewegung, die für mich ein bisschen Ähnlichkeiten mit der Punk-Bewegung hatte, denn das waren junge Leute, die wirklich was machen wollten, die einen krassen Sound gemacht haben, Gas gegeben haben. Natürlich haben sie auch viel profitiert von der Punkbewegung, alles wurde nicht mehr als so krass und so schlimm gesehen. Damit hab ich dann angefangen. 

Kaum hatte ich die erste Platte gemacht, kamen immer mehr und mehr Leute. Die erste Platte, die ich gemacht hab, das war auch kurios. Da kam irgendeine Band an, die hießen First Things First, und die sagten, Chris, wir wollen, dass du unsere Platte machst. Vorher hatte ich nur Demos gemacht, mit AD/AC Motörwelt, und Übungsraumaufnahmen und sowas. Und dann kamen die an… Ich hatte eigentlich keine Ahnung, wie man das eigentlich macht - letztendlich wusste ich natürlich schon, wie man Aufnahmen macht, aber eine Platte zu machen, das waren ganz andere Ansprüche. Dann hab ich ein 8-Spur-Gerät hingestellt, was im Proberaum war, und das wurde eine super Platte. Und dann kam eine Band nach der anderen... Das wurde sogar international – zwei Amibands waren dann in Oberföhring. Eine wahnsinnsschöne Platte hab ich gemacht mit Chris Bald aus Washington D.C. (auch bei 'Ignition' - Dischord Records - und 'Faith', Anm. d. Red.). Der kam nach Deutschland mit seinem Bruder und hat sich hier zwei Münchner Musiker geschnappt und mit denen eine komplette Platte aufgenommen – das war richtig gut. 

Als Tonmann hab ich dieses Jahr mein 20-Jähriges und als Musiker mein 30-Jähriges. Mal schauen… Die Studiogeschichte hat mich schon interessiert, bevor ich selbst Musik gemacht hab. Ich kann mich erinnern, wie ich schon als Zwölfjähriger ein Röhrentonbandgerät hatte und dann Collagen machte, Mitschnitte aus dem Radio zusammen geschnitten haben und so. Nach dem ersten Melody Lee Disaster im Studio wollte ich dann auch wissen, wie das geht. Das war zu einer Zeit, da konnte noch keiner oder zumindest wirklich wenige mit dem Sound einer Punkband umgehen, das war schwierig. Das war eine saubere Aufnahme, die wir da mit Melody Lee machten – für irgendeinen Sampler war das – das war alles technisch perfekt und alles, aber vom Sound her waren das einfach nicht mehr wir. Also hab ich mir ein 4-Spur Gerät gekauft und selbst rumprobiert. Alle alten Melody Lee Aufnahmen sind auf diesem 4-Spur Gerät entstanden, das waren quasi die Wurzeln. Als wir in den 80ern mit der Band nach Oberföhring umzogen, da war gegenüber vom Proberaum ein Scheißhaus, das hab ich renoviert und alles reingestellt, was Platz hatte, was wir zur Verfügung hatten und was man so brauchte. Also nicht den ganzen Hi-Tech Mist, den man angeblich braucht – und den man auch manchmal gern hätte, den man sich aber nie leisten kann. Mit wenigen Mitteln haben wir da ein Tonstudio aufgezogen, von der Philosophie her war das schon punkmäßig. Gründerzeit, so Goldgräber-Stimmung… Das nahm dann ganze schöne Ausmaße an, zum Beispiel eine Metalband mit Klassikorchester. Das war das Fetteste, was ich je produziert habe – eine Death Metal Band mit etwa 2 Dutzend klassischen Musikern noch dabei.

Ich habe Glück - viele Studios sind ja eingegangen, das ist auch eine wacklige Geschichte. Wenn man bei mir in der Arbeit schaut, beim Fernsehen, da sind dann Tontechniker, die nehmen Sprecher auf, basteln ab und zu ein paar Sounds zusammen und schieben dafür richtig Geld ein. Vom Anspruch her ist das viel weniger, als eine Band aufzunehmen oder Musik zu produzieren. Da arbeiten viele Tontechniker beim Fernsehen, da gibt es eine Menge Geld. Da kostet dann das Studio am Tag 600 Euro und im Endeffekt werden nur Sprecher aufgenommen. Wenn ich da schau, dass ich da eine Band mit 5 Leuten aufnehme und dafür nur die Hälfte oder meist nur ein Drittel bekomme, inklusive der Studiomiete dann – also im Endeffekt nur einen Hunderter verlange, dann ist das keine Relation mehr.

Jetzt hab ich mich halt gesundgeschrumpft, jetzt brauch ich nur noch meine Gitarre, meine Akustikgitarre und meinen Amp, einen kleinen, so einen 15 Watt Röhrenamp. Vielleicht noch eine zweite Gitarre, aber das reicht dann schon, das ist nicht so viel. Das geht dann mit dem Auto, da kann man andere Deals machen, da brauch ich keine Gagen ausmachen, weil ich weiß, ein bisschen was geht immer und ich zahl nicht unbedingt drauf. Mein nächster Auftritt wird wie gesagt wahrscheinlich in der Glockenbachwerkstatt beim Fish'n'Blues sein, im April oder spätestens im Mai dann mal. Da kann ich auch ein paar neue Sachen spielen. Ich hab mir ja eine Band gekauft sozusagen, das kann man ja heutzutage. Das ist so ein kleines Effekt-Teil - Japan Jam Man heißt das Ding, wenn ich drauftrete, nimmt das auf, und wenn ich dann wieder drauftrete, dann spielt es das dann im Kreis ab. Das heißt, wenn ich spiele, trete ich drauf, und trete noch mal drauf, und dann spielt das so weiter und ich kann dann dazuspielen. Das ist ziemlich witzig, da passieren irgendwelche Dinge und das ist gut, weil ich mit mir selbst Musik machen kann. Das kann ich auch live machen, da passiert dann recht viel und das ist echt okay. Da passiert viel Neues, das verleitet ein bisschen zum Rumspielen. Ich spiel jetzt die Sachen, die ich will. (Chris Void, März 09)

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