Of Public Interest! - THE RAW DEALS im Interview zur neuen Platte

Of Public Interest! THE RAW DEALS im Interview zur neuen Platte

THE RAW DEALS - HC/Skatepunk seit 2002 - veröffentlichen am 16. Juli im Feierwerk Sunny Red ihre neue Platte. Die 6 Songs (+ 1 Bonustrack) der "OF PUBLIC INTEREST" EP werden als 7" Vinyl Schallplatte mit Download Code oder als CD bei der Band bzw. dem Plattenladen eures Vertrauens erhältlich sein. Da ist es an der Zeit, euch die Band mal etwas vorzustellen. THE RAW DEALS standen uns bei der letzten Bandprobe am Montag kurzfristig für ein ausführliches Interview Rede und Antwort.

Starten wir gleich mit der üblichen Frage. Wenn man so lange - und bei euch sind es jetzt 5 Jahre - auf eine Veröffentlichung warten muss: Warum hat das so ewig gedauert?

Also eigentlich liegt die Veröffentlichung doch voll in unserem Schnitt. Wir haben seit unserer Gründung 2002 konstant alle vier Jahre ein Album rausgebracht. 2006 die „Pressure to Perform“ und 2010 dann die „Raw Society“. „Of public interest“ haben wir dann auch just in time 2014 fertig aufgenommen. Der Grund, warum sich der Release jetzt noch ein Jahr hinausgezögert hat, liegt einerseits daran, dass wir uns lange nicht auf ein Konzept für die Platte einigen konnten bzw. die richtige Idee nicht da war. Andererseits war es pures Verschleppen. Wir haben nach den Aufnahmen erstmal krass die Bremse reingehauen, da inzwischen ja jeder von uns anderweitig mehr als beschäftigt ist. Sei es nun die gute alte Arbeit oder die Familie, da ja inzwischen schon die nächste Raw Deals Generation gezeugt wurde. Und so war es plötzlich Januar 2015 und es hat wieder ein bisschen gedauert das ganze Ding ins Rollen zu bringen.

Wann, wo und wie habt ihr die Songs diesmal aufgenommen?

Aufgenommen haben wir wie auch schon bei der letzten Platte im eigenen Proberaum mit Unterstützung und Anleitung von Jakob Braun. Das funktioniert immer recht stressfrei. Wir arbeiten schon lange mit Jakob zusammen und so ist das gegenseitige Vertrauensverhältnis relativ gut. Heißt für uns, dass wir, nachdem er den ganzen soundtechnischen Nerdkram eingestellt und aufgebaut hat, den größten Teil in Eigenregie aufnehmen konnten und somit auch noch viel experimentieren.

Die drei bekannten Affen - mit moderner Ausstattung. Warum dieses Covermotiv?

the raw deals - of public interest 7Wer sich die Platte anhört und die Texte studiert, wird schnell rauslesen, dass wir uns auf diesem Album viel mit den Themen Technisierung der Gesellschaft, Konsumgeilheit, aber eben auch mit dem damit einhergehenden Verwundbarsein gegenüber Mechanismen wie Überwachung durch den Staat, speziell durch Organe wie die Geheimdienste, beschäftigen. Gerade das war ja in jüngster Vergangenheit immer wieder Thema von Nachrichten und öffentlichen Diskussionen und wird uns wahrscheinlich alle auch lange Zeit nicht loslassen.
Beim Cover geht es an sich nicht um das moderne Instrumentarium, sondern eher um das Umdrehen des altbekannten Motivs der drei Affen – „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“. Bei den Geheimdiensten verhält es sich ja etwas anders herum. „Alles hören, alles sehen, sich in Verschwiegenheit hüllen“. Wir versuchen ja immer ein Artwork für unsere Platten zu finden, welches auf der einen Seite optisch anspricht und auf der anderen Seite auch zum Nachdenken anregt und gleich vorweg eine Aussage trifft. Ausserdem, sind wir mal ehrlich… Affen sind einfach cool.

The Raw Deals zum ersten Mal auf Vinyl! Wie kam es dazu - und erzählt jetzt bitte nicht, dass wir euch dazu überredet haben...

Vinyl hat einfach mehr Style. Und da gerade in der Hardcore/Punk Szene die Audiophilen auf dieses Medium schwören und es wohl inzwischen auch wieder zum guten Ton gehört, auf Vinyl zu veröffentlichen, stand für uns gar nicht zur Debatte, das diesmal nicht zu beachten.

Und es hat sich wirklich gelohnt. So eine Platte fühlt und sieht sich einfach toll an und auch das ganze Artwork kommt in dem größeren Booklet viel mehr zur Geltung. Wäre auch schade drum, denn der Otto Kron hat das wirklich super gemacht!

Den Vinyl Platten ist ja ein mp3 Download-Code beigelegt, da ist noch ein Bonustrack zu finden. Was hat es mit dem auf sich?

Naja, zu dem Song muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Wir durften für die neue NO GOD INNOCENT Platte ("DAYS TO DIE", Anm. d. Red.) und damit zu ihrem 10-jährigen Bandjubiläum einen Coversong ("Undefeated", Anm. d. Red.) von ihnen beisteuern und das ist dabei rausgekommen. Wir hatten und haben riesigen Spaß beim Spielen und die Leute hoffentlich auch beim Anhören.

Und auf der CD findet sich neben den Audio-Files (+ mp3s!) noch eine Datei zur Installation des TOR Browsers. Warum das denn? Was ist das überhaupt?

Das TOR Projekt ist ein inzwischen weltweit angetriebenes und weiterentwickeltes Projekt, um es dem einzelnen Benutzer zu ermöglichen, seine Identität beim Surfen im Internet zu anonymisieren. Der TOR Browser ist dabei das Haupttool für den Anwender, der den Zugang zum TOR Netzwerk ermöglicht, das basierend auf dem Grundgedanken des Onion-Routings die Verbindungsdaten schwer nachvollziehbar macht. Auf technische Details braucht man hier wohl nicht weiter eingehen, wer sich dafür interessiert, kann sich selbst informieren… (https://www.torproject.org/, Anm. d.Red.)

Genau das ist auch die Intention dahinter. Denn gerade in Hinsicht auf die oben angesprochenen Themen ist man zu einem nicht zu verachtenden Teil selbst dafür verantwortlich, wie man sich im virtuellen Raum bewegt und welche Spuren man wo hinterlässt. Und so sollte man sich selbst davor schützen, dass alle möglichen Daten über die eigene Person sonst wo landen und abgelegt werden. Eine hundertprozentige Anonymität ist natürlich auch bei ambitionierten Tools wie dem TOR Netzwerk nicht gewährleistet, aber der Hauptgrund, warum wir das Ganze mit auf die Platte haben, ist der, die Leute zum Nachdenken anzuregen und vielleicht auch diejenigen, die diesbezüglich noch etwas unbedarft sind, für das ganze Thema etwas mehr zu sensibilisieren…

Dann erzählt doch ein bisschen zu den Songs, was seht ihr da jeweils inhaltlich als Input, was kotzt euch an, was ist die Aussage?

Grundsätzlich verhält es sich textlich wie auf den letzten Alben. Wir waren ja schon immer eine Band, die sich weniger direkt mit politischen Themen als mit der Gesellschaft an sich beschäftigt hat. Der Grund, warum es auf „of public interest“ doch öfter mal politisch wird, ist dann wohl der, dass die Ereignisse der letzten Zeit viel auf die Gesellschaft und unsere heutige Art zu leben eingewirkt haben. Aber gucken wir mal, was denn so drauf ist auf der Scheibe:

"Built on Fear": Von despotischen Regimen kennt man Angst in der Bevölkerung als Mittel zur Unterdrückung und Sicherung der Macht. Dass sie aber immer und überall ein Mittel sein kann, um politische Ziele zu erreichen, zeigen auch zahlreiche Beispiele aus Rechtsstaaten. Wie etwa die künstliche, teilweise von Medien mitgetragene (am einfachsten ist es natürlich, gleich einen eigenen Medienkonzern zu besitzen) Abgrenzung gegenüber bestimmten Gruppen. Außen- oder innenpolitische Feindbilder zu erzeugen gelingt besonders gut, indem man ihr Bedrohungspotential darstellt. Besonders gefährdet sind hier unserer Meinung nach gerade kapitalistische Gesellschaften, da hier viele ihren sozialen Status und Wohlstand bedroht sehen und sich durch Ängste vortrefflich lenken lassen. Das Ironische daran ist, dass oft Begriffe wie „Freiheit“ oder „Demokratie“ verwendet werden, um diese hochgradig asozialen oder gar rechtspopulistischen Ziele zu erreichen. So shut the fuck up!

"Virtual Privacy": Ist quasi der Themesong schlechthin zum Album. Hier geht’s explizit um das große Thema Überwachung und Vorratsspeicherung und wie unser aller Privatsphäre dadurch verletzt wird. Aber nicht nur das. Gerade im Bezug auf die Vorratsdatenspeicherung fällt ja immer wieder der schöne Leitsatz: „Ein unbescholtener Bürger hat doch nichts zu verbergen.“. Ganz schön scheinheilig, denn eigentlich werden bei großflächiger Datenspeicherung und Überwachung Millionen von Menschen einfach unter Generalverdacht gestellt. Das Ganze wird dann immer noch unter die große Fahne des Kampfes gegen den Terrorismus gestellt, und wie das enden kann, sieht man ja unter anderem noch immer anhand von Guantanamo… Da soll überall, wo es brennt auf der Welt, unser westliches Weltbild etabliert werden und dabei werden hier bei uns selbst Grundrechte im großen Stil mit den Füßen getreten.
Weiter weisen wir nochmal darauf hin, dass es für die Geheimdienste weltweit eigentlich ganz praktisch ist, dass sich die NSA hat erwischen lassen. Die ziehen nämlich alle den selben Scheiß durch, denn ohne sich am äußersten Rand der Grauzone zu bewegen, Gesetze zu beugen oder sogar zu brechen würde ein effizientes Arbeiten für solche Organisationen gar nicht möglich sein.

"Fighting Months": Einen Krieg zu rechtfertigen und ökonomisch zu führen kann manchmal harte politische Arbeit sein. Vor allem, wenn man sinnvolle Legislativorgane wie z.B. einen Kongress davon überzeugen muss, ausreichend Mittel bereit zu stellen. Soldatinnen und Soldaten werden dabei besonders deutlich auf das Werkzeug reduziert, das sie im Kriegsfall eben sind. “Fighting Months” erzählt von Fällen während der Auseinandersetzungen im mittleren Osten. Die sogenannten Kampfmonate beschreiben die Zeit, in der ein feindlicher Angriff am wahrscheinlichsten ist. Um die eigenen Verluste in den Akten gering zu halten, sollen während dieser Zeit einfach weniger Truppen entsendet worden sein. Eine bürokratische Strategie, die es dem Rest vor Ort nicht unbedingt leichter machte…

"Riot Cop": Riot Cop ist der obligatorische „Still not loving police” Song. Mit dem Thema an sich waren wir schon länger schwanger, aber nachdem dann im Zuge von polizei-internen Infos während den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 an die Öffentlichkeit kam, dass wirklich strategisch Beamte eingesetzt werden, um Veranstaltungen dieser Art punktuell zum eskalieren zu bringen, damit man gerichtet eingreifen kann, war der Ofen aus. Es ist immer erschreckend, wie sich all zu oft Dinge, die man sich so ausmalt und vermutet, irgendwann bewahrheiten…

"New Frankenstein": Dieser Song beschäftigt sich am Rande auch wieder mit der weltweiten Vernetzung und vor allem sozialen Netzwerken wie Facebook und damit, wie sich die Leute aufgrund von nicht nachvollziehbarem Geltungsbedürfnis täglich immer mehr zum gläsernen Menschen machen…

Viel mehr geht es aber um die allgemeine und sehr schnell vorangeschrittene Technisierung unserer Gesellschaft und die Gefahren, die davon ausgehen. Jeder will das neueste Smartphone, den neuesten Smart TV, das schnellste Internet, das neuste Airbook, die beste mobile Internetverbindung - alles inzwischen die Prestigeobjekte des kleinen Mannes. Das es sich dabei aber im Endeffekt um Hightechgeräte handelt, von denen die wenigsten eine Ahnung haben, wie sie funktionieren und vor allem was für Möglichkeiten sie den Leuten bieten, die sich wirklich auskennen, geht in der allgemeinen Konsumgeilheit ziemlich unter. Man macht sich dadurch angreifbar, da können wir wieder Themen wie Überwachung nennen, aber auch Dinge wie das Kundenprofiling in Bezug auf Kaufverhalten und dergleichen. Die großen Firmen wissen doch inzwischen von den meisten von uns, was wir mögen, was wir nicht mögen, wo wir arbeiten, wann wir arbeiten, mit welchen Menschen wir uns umgeben, wohin wir in den Urlaub fahren, was wir gegessen und wann wir das letzte mal geschissen haben.
Der Titel bezieht sich dabei nicht, wie man fälschlicherweise annehmen könnte, auf das Frankenstein Monster, sondern auf Viktor Frankenstein, seinen Schöpfer selbst. Die großen Unternehmen der Branche wie allen voran Goggle, aber auch Microsoft, Amazon, Samsung und wie sie alle heißen, haben eine weltweite Vernetztheit und Maschinerie geschaffen, die immer mehr eine Eigendynamik entwickelt, die sie vielleicht irgendwann nicht mehr in der Lage sind zu kontrollieren. Und der Leidtragende wird dabei am Ende immer der Qtto-Normalverbraucher bleiben, deswegen auch die Textzeile „Where is the awareness about how we consume? Don’t we give more than we get?“.

"Look Around": Im Grunde richtet sich der Song an uns alle, wenn wir uns dabei erwischen, dass wir bei vermeintlichen Kleinigkeiten wegsehen. Er spricht dabei die Protestmüdigkeit der Wohlstandsgesellschaft im Großen und Alltagssituationen, wie z.B. Zivilcourage, im kleinen Maßstab an. Erschreckend schnell verschwinden schockierende Vorfälle wieder aus den Medien, die öffentliche Debatte wird in den seltensten Fällen zu Ende geführt. So interessiert sich nach wenigen Monaten kaum noch jemand dafür, wie sich beispielsweise ein organisierter, rechtsextremer Untergrund im eigenen Land etablieren konnte.

The Raw Deals gelten ja als die Münchner Merchcore Band schlechthin. Aufwendig handbedrucktes und außergewöhnliches Merchzeugs gibt es bei euch immer, wie z.B. Sonnenbrillen oder das begehrte Stinkefinger-Cap. Was habt ihr denn diesmal Schickes an Merch vorbereitet? Wollt ihr schon was verraten?

the raw deals merchcoreJa, der Merch is ja sozusagen unser zweites Standbein. Da lässt sich halt richtig Geld machen $$$. Natürlich haben wir wieder ein paar Sachen in petto. Das Design, das der Otto für die Platte gemacht hat, bietet viel Material für eine neue Herbstkollegtion aus dem Hause "The Raw Deals". Zum Platten Release am 16.07. gib es schonmal einen kleinen Vorgeschmack auf die kommende Merchcore Offensive. Und wer sich gar nicht mehr gedulden kann, hat natürlich auch noch die Möglichkeit die limitierte, farbige Edition der 7‘‘ bei euch im Laden vorzubestellen.

Und wie geht es weiter? Geht ihr mit der neuen Platte jetzt auf Tour? Wann kann man euch live sehen?

Leider gehen wir erstmal nicht mehr auf Tour und auch sonst werden wir dieses Jahr wohl eher selten auf der Bühne stehen. Der Djtschke geht Anfang August bis Ende Dezember nach Schweden, und wir fahren schon immer das Band Ding, dass wir Gigs eigentlich nur komplett oder gar nicht spielen. Das heisst, der Rest der Band wird sich wohl auf neue Songs und Merch konzentrieren. Kann also gut sein, dass das Konzert am 16.07. das einzige dieses Jahr bleiben wird. Deswegen auch fleißig kommen, damit sich das Bild unserer schwitzenden Astralkörper auch gut genug einprägt, um die kleine Durststrecke zu überdauern.

Aber wie gesagt, untätig rumsitzen werden wir auf keinen Fall, und vielleicht kriegen wir ja einiges an Material für nächstes Jahr zusammen, so dass die nächste 7" nicht lang auf sich warten lassen muss.

Vielleicht lösen wir uns aber doch auch einfach auf und machen in Las Vegas das große Geld mit Tacos und Tequila…

Vielen Dank an die RAW DEALS für die kurzfristige Beantwortung unserer Fragen. Und wenn ihr euch auflöst, gibt's Ärger!

THE RAW DEALS:
Thomas Gra - Vocals, Christopher Maas - Guitar, Djtschke - Guitar, Christoph Dittus - Bass. Thomas Strasser - Drums

https://www.facebook.com/therawdeals   https://therawdeals.bandcamp.com/

Tags: Raw Deals