Umluft 180° - Voll retro oder was? Interview

Umluft 180 - Voll Retro oder was? Interview

UMLUFT 180° - Ist das Kunst oder kann das weg? Zwei Monate nach der Veröffentlichung der UMLUFT 180° Debüt-Scheibe 'Deutsche Kinder' haben wir den vier Münchner Rumpelpunkern anlässlich ihres Auftritts mit der 80er Jahre Punk Legende BRUTAL VERSCHIMMELT und SYSTEMFEHLA aus Hannover am 3. Juli im Feierwerk Sunny Red bezüglich ihres '10er Retro Punk im Stile des 80er Jahre Punks' auf den Zahn gefühlt.

Hallo Jungs, stellt euch doch zum Einstieg bitte mal kurz vor.

Matze: Hi, ich bin der Matze. Ich singe und spiele Gitarre bei Umluft 180°. Bei zwei Songs spiele ich auch E-Geige, da singt dann der Nic. Also wir wechseln uns ab. Ansonsten hab' ich grad' mein Regiestudium abgeschlossen und demnächst steht mein Punkfilmprojekt an.

Steve: Servus, ich bin der Steve! Ich spiel den Bass bei Umluft 180°. Ich bin 23 Jahre alt, gelernter Koch, werde aber ab diesem Jahr wieder auf die Schule gehn.

Nic: Heyho, ich bin der Nic, spiel Gitarre und plärr auch ab und zu ins Mikro. Und bin für Ananaskuchen für alle!

Frenke: Moin Moin Freunde der Leidenschaft, ich bin der Frenke und haue die Felle zu Brei bei Umluft 180°. Einige kennen mich sicherlich noch als Drummer bei der inzwischen aufgelösten Band EUPHORIE mit ihren Hits wie 'Tischlein deck dich', 'Genuss muss sein' oder 'Gesichtsgecko.. We are all Antifascist Geckos'!

Um am Anfang gleich mal eure musikalischen Wurzeln und Einflüsse auszuloten: Was hört ihr denn selbst eigentlich für nen Sound?

Nic: Ich hab immer viel Deutschpunk gehört, obwohl es da ja viel Mist gibt, wie LÜFTUNGSSCHACHT oder ABSOLUT LÄCHERLICH. Nee, das sind in Wahrheit meine Lieblingsbands! Und sonst viel Zeugs aus Frankreich wie BÉRURIER NOIR, auch viel HC-Punk in letzter Zeit. Und Reggae und so Kram, wenn ich in der Stimmung bin. AUTONOMADS hör ich grad rauf und runter. Eigentlich alles ab und zu - außer Pop und Elektrokram, da kann ich meistens nix mit anfangen. Matzes geliebten 80-er Mülltonnenpunk hab' ich eigentlich erst mit Umluft richtig viel gehört, was sich auch bei den Liedern, die ich geschrieben hab, bemerkbar macht.

Frenke: Ich persönlich höre eher lieber Offbeatmucke - SKA, 2TONE, Rocksteady und Reggae, aber der Punkrock ging auch an mir nicht vorbei, es gibt einige gute Bands die mich in all den Jahren in der Szene beeinflusst haben: N.O.E, 1.Mai 87, KAPITULATION BONN, FUCKIN FACES, MOLOTOV SODA und einige andere mehr.

Matze: Also ich höre selber fast ausschließlich Punk und NDW aus den 80er Jahren, mittlerweile kaum noch andere Musik, muss erst Tape Attack (tapeattack.blogspot.de, Anm. d. Red.) KOMPLETT durchhören, hahaha. Mich hat die Musik der 80er immer sehr fasziniert. Ich fand es interessant, dass viele Texte, z.B. bei NAMENLOS, ehrlicher, authentischer waren und dass die Kritik trotz der krasseren Umstände oft direkter war als heute. Dass genau das gesagt wurde, was auch gemeint war. Besonders schätze ich die Sound-Effekte, die bei PARANOIA, CHARLIE KAPUTT, ANDREAS'S AUSLAUF, ARTLESS etc. vorkommen, also den gewissen Klang, der nach einer kaputten Kassette klingt. Ich finde es sehr schade, dass es nur noch wenige Menschen gibt, die sich für die Texte der 80er begeistern. Deshalb war es auch mein Ziel, die Faszination dafür zu wecken. Mit diesen Vorsätzen habe ich mir dann eine Band zusammengesucht, und nun versuchen wir, das gemeinsam umzusetzen.

Die Punkbands der frühen 80er machten ja quasi aus der Not eine Tugend, der offensichtliche musikalische Dilettantismus wurde schnell als Stilmittel und Aushängeschild genutzt. Wie ist das bei euch?

Matze: Als Dilettantismus würde ich unsere Musik auf keinen Fall bezeichnen. Wir können zwar nicht viel und wir haben uns alles selber beigebracht, aber an sich finde ich die Musik schon super und ich möchte auch was spielen, was ich mir gerne anhöre, haha. Aussagen wie "Punk muss schlecht klingen" oder so, finde ich bescheuert. Es heißt ja immer, dass SID VICIOUS "keinen Bass spielen konnte" oder ZK auch nicht spielen konnten, aber das sehe ich nicht so, weil ich da schon ne Menge Songs von den Bands abfeier.

Nic: Ich denk', wir spielen nicht absichtlich mies, um als authentisch zu gelten, wir können's tatsächlich nicht besser. Aber so glattgebügelter überproduzierter Pop-Punk wär nix für uns, ganz klar. Tschacka.

Umluft 180 - Programmheft

Auch vom Design her lehnt ihr euch an die sogenannte 80er Jahre Ästhetik an, die damals auch einfach daher rührte, dass es außer Schreibmaschine, Schere, Klebstoff, Edding und Kopierer noch keine anderen Mittel für das Layout gab. Man könnte das ja auch am Rechner mit Photoshop oder anderen Bildbearbeitungsprogrammen nachbauen, warum macht ihr das nicht?

Nic: Keiner von uns kann wirklich mit Photoshop umgehen, gleichzeitig macht's verdammt Spaß, zusammen rumzubasteln - Kindergarten lässt grüßen - und sieht einfach fein aus. Zum Teil ist wahrscheinlich auch etwas nostalgische Begeisterung für die 80er dabei, obwohl ich mit Sicherheit kein Fan vom "früher war alles besser" bin. Peanuts.

Matze: Da vermischen sich Faulheit, das mangelnde Know-How und die Faszination für alte Fanzines. Auf Tape Attack hatte ich mir viele Fanzines von früher heruntergeladen, und besonders die Stories von Donald Punk aus dem aktuellen Mülleimer, einem Stuttgarter Fanzine, fand ich sehr lustig. Von der Band CHAOTENCOMBO hatte ich mir die Platte "Der Mörder mit der weißen Wurst" gekauft. In dieser befand sich ein Wörterbuch, welches sehr witzig geschrieben war, z.B. BPM = Bier pro Musiker undsoweiter. Da dachte ich mir, sowas Ähnliches mache ich auch.

Ihr verteilt bei euren Live-Auftritten kopierte, gelayoutete Faltblätter mit euren Songtexten. Offensichtlich sind euch die Texte und Inhalte sehr wichtig. Erzählt doch bitte mal was zu den Inhalten eurer Songs.

Matze: Auf Live Konzerten hört man nun mal selten die Texte heraus, wenn man sie wütend herauskreischt. Deshalb haben wir entschieden, die Songtexte in kleinen Heftchen zu drucken und sie trotzdem recht lustig und albern zu gestalten. Im Prinzip sind die Inhalte gesellschaftskritisch und sollen dem typischen Punkerklischee entgegenwirken. Die Texte sollten auch überwiegend auf Fakten basieren und weniger subjektiv sein, aber da persönliche Gefühle auch eine wichtige Rolle spielen wird man wohl nicht verhindern können, dass die Texte auch subjektiv sind, und ähnlich verhält es sich auch mit dem Klischee. Wie es PARANOIA in einem Interview mal gesagt hat: "In unseren Texten versuchen wir die üblichen Klischees zu vermeiden, obwohl das wohl niemanden 100%ig gelingen wird." Ich sehe die Texte unserer Songs eher als ehrlichen Journalismus, quasi nach dem Motto: Wir sagen euch was Sache ist, denkt selber nach und handelt, wenn ihr euch damit identifizieren könnt.

Bei Idole geht es z.B. um die Lisa Loch Affäre, einer Affäre, in der sich Stefan Raab über den Nachnamen einer Frau namens Lisa Loch lustig gemacht hat. Das führte dann dazu, dass sie mit Traumata zu kämpfen hatte und diese nur schwer los wurde. Und man weiß ja, dass Traumata auch im schlimmsten Falle zu Selbstmord führen können. Deswegen finde ich es unter aller Sau, dass Stefan Raab so etwas riskiert und es auch noch von der Gesellschaft akzeptiert wird.
Ansonsten gehen unsere Songs auch um Individualität, Szenenwechsler (Punk -> Skinhead -> Nazi), Bürokratie, Freiheit, Gutmenschentum - "Ja ich bin ein Gutmensch und ein Weltverbesserer. Ich bin der Moralapostel, der ich immer war. Behalte deine Meinung. Sie ist so wunderbar. Denn ich bin der Gutmensch, der ich immer war" - oder die Selbstzerstörung des Menschen und gegen aktuelle Themen wie Platzverweise, 'Ausländer'abschiebung und andere Dinge. 

Nic: Bei "Deutsche Kinder" geht es gegen rechte Spinner, bei "Kannibalismus" darum, wie sich die Menschheit gegenseitig ausbeutet, diskriminiert und abschlachtet – Kapitalismus ist Kannibalismus, klar? Und "Übers Meer" handelt vom Traum einfach abzuhauen.. "auf eine Insel ohne Grenzen, ohne Hass und ohne Krieg, eine Welt wo alle Platz haben und die Anarchie obsiegt."

Als Punkband wird man häufig mit Schlagworten wie 'Authentizität/Street Credibility' und 'Klischee' konfrontiert.

Nic: Ich mach mir keinen Kopf ob das, was wir machen, irgendwer als echten Punk sieht oder ob es Street Credibility hat. Ist irgendwie auch ziemlich dämlich, danach sein Denken und Handeln zu bestimmen. Aber jetzt, wo ich doch drüber nachdenk', sind wir eigentlich schon ziemlich authentisch, eigentlich die letzten die's noch gibt. Oder warte, ich schau noch kurz auf 'Nix-Gut', ob wir da auch alle Regeln befolgt haben, hahaha.

Matze: Ich entspreche vom Verhalten her nicht gerne dem Klischee. Vom Aussehen schon eher. Lächerlich, dass es üblich ist, Menschen mehr nach ihrem Aussehen zu beurteilen als danach, wie sie wirklich sind. Das Problem bei Klischees ist, dass es sehr viele Vorurteile gibt, und es ist oft so, dass ein Vorurteil auf eine Person passt, aber alle Vorurteile werden auf alle Punks dann übertragen, und es gibt eine Menge Idioten, die so etwas fördern. Da gibt es Mitläufer, die benutzen nicht ihr eigenes Gehirn, sondern finden es cool, Mülltonnen umzutreten, Leute anzuspucken, nur weil sie das in irgendwelchen Filmen schonmal gesehen haben.
Das Blöde ist, dass dadurch diese Leute am meisten auffallen und die Menschen, die ihren eigenen Kopf benutzen und auch die Freiheiten anderer respektieren, die ganze Scheiße abbekommen. Wir sind ja auch nur Menschen, die eine Botschaft vermitteln wollen, aber wenn man uns nicht ernst nimmt, dann kann die Botschaft ja weniger erreichen, und deshalb ist es mir auch wichtig, von der Gesellschaft ernst genommen und nicht ausgelacht zu werden. Damit unsere Botschaften glaubwürdig rüberkommen, ist Authentizität wichtig, damit ein Zuschauer weiß, diese Themen liegen den und den Personen scheinbar sehr am Herzen. 

3. Juli Feierwerk Brutal Verschimmelt + Systemfehla + Umluft 180

Munich-Punk-Shop und München-Punk präsentieren
BRUTAL VERSCHIMMELT + SYSTEMFEHLA + UMLUFT 180°
Donnerstag 3. Juli | 20 Uhr | Feierwerk Sunny Red | Eintritt 6 Euro


Momentan gibt es ja zwei Extreme: auf der einen Seite die horrenden Preise, zu denen heutzutage Platten der 80er-Jahre Punkbands gehandelt werden - Singles, die damals als Give-Away auf der Theke im Plattenladen auslagen, stehen heute für über 50 Euro bei eBay. Auf der anderen Seite die wirklich unüberschaubare Flut an Gratisdownload-Angeboten, Youtube-Clips und Umsonst-CDs neuer Punkbands, die letztendlich irgendwo im Internet-Nirwana untergehen. Ihr habt euch bei eurer ersten Veröffentlichung dann doch für eine 7inch Vinyl-Schallplatte mit Downloadcode entschieden.

Steve: Also ich bin ja ein Fan von Schallplatten, und wenn sich die Möglichkeit ergibt, 'ne LP rauszubringen bin ich sofort dabei. Nur leider ist das ganze sehr kostspielig. Noch 200 weitere Konzerte und die Bandkasse dürfte dafür dann gefüllt sein. Frank und Katz haben uns die Möglichkeit gegeben, einen unserer Songs auf dem Sampler In München nix Los! zu veröffentlichen. Und daraufhin kam auch die Möglichkeit, eine 7-Inch Single zu machen. Da haben wir natürlich nicht "Nein" gesagt.

 

Matze: Ich finde, jeder sollte frei entscheiden, wo er seine Musik herbekommt, ob er Geld für die Bands ausgibt, um sie zu unterstützen, oder nicht. Wenn die Inhalte der Texte wichtig sind, dann ist es mir wichtig, dass so viele Menschen wie möglich an die Inhalte kommen, egal wie. Deswegen auch der Downloadcode. Menschen, die uns unterstützen, können die Songs auf ihren PC herunterladen und weiterschicken, wenn sie wollen. Das wollen wir niemandem verbieten.

Nic: Mit Vinyl geht einfach eine Wertschätzung der Musik mit einher, die, wenn ich meine 100-GB Festplatte auf 'Zufällige Titel' schalte, nicht gegeben ist. Außerdem ist es eine schöne Sache, die Platte aufzulegen, sich derweil das Artwork anzuschauen, etc.. Musik ist mehr als nur Musik. Und, klar ist MP3 praktisch, deswegen ja auch der Downloadcode, und wer kein Geld hat kann's sich ja auf unserer Bandcampseite umsonst runterladen... wir freuen uns ja wenn's sich irgendwer anhört.

Was meint ihr, wie ist da das Bewusstsein innerhalb der Punkszene/Deutschpunkszene, gerade bei den jüngeren Leuten? Heißt 'Punk', dass eine Band ihre Musik eben verschenken oder zu Niedrigpreisen verschleudern sollte, sonst ist sie eben nicht 'authentisch'? Wie sieht es mit der Wertigkeit von Musik aus, gerade auch im Punkbereich? Schlagwort: Rip-Off - wer wird hier von wem abgezockt?

Matze: Es gibt einige Leute, wenn es um das Verkaufen von Merch oder so geht, die Bands gleich anprangern: "Das ist Kommerz, das darf man nicht!" Von so einem engstirnigen dogmatischen Denken halte ich überhaupt nichts. Wann ist denn etwas, wie es so schön heißt, "Kommerz"? Ab 1 €, ab 2 €, ab 500 €, ab 1000 €? Was vielen Leuten nicht bewusst ist, ist dass es bei dem Begriff "Kommerz" darum geht, dass Einnahmen für private Dinge investiert werden. Und das wollen wir nicht.
Es geht da eher weniger darum, was Punk heißt, sondern eher was sinnvoll ist, und wenn jetzt jemand mit seiner Musik seinen eigenen Lebensunterhalt verdient, dann finde ich, dass daran nichts bis wenig - es kommt ja immer auf den Einzelfall an - verwerflich ist. Warum sollte man nicht sein Überleben mit etwas sichern, was einem Spaß macht? Ist doch besser als von morgens bis abends im KVR vor dem lila-blass-blauen Formular im 42sten Stock zu sitzen, "Gäste" anzuschnauzen und großzügig Bearbeitungsgebühren zu verteilen.

Nic: Selbstausbeutung ist natürlich blöd. Die Musik seh ich aber nicht als Arbeit, sondern als feine Sache, die mir Spaß macht, deswegen wollen wir auch keinen Profit draus schlagen. Ganz im Gegenteil, ich freu mich mehr, wenn z.B. ein Konzert organisiert wird, was sich jede_r leisten kann, statt dass ich am Ende ein 10er mehr in der Tasche hab und dafür jemand vor der Tür bleiben muss. Die ganze unkommerzielle D.I.Y-Kultur ist eben einer der Punkte, die Punk so prima machen, wo alle zusammenarbeiten und was auf die Beine stellen. Trotzdem kostet alles auch irgendwo Geld und kann nur funktionieren, wenn die Leute die Sachen auch mal finanziell unterstützen.

Was kommt als Nächstes? Eure weiteren Pläne?

Matze: Wir planen auf jeden Fall, noch eine Platte mit neuen Aufnahmen von uns zu pressen. Die Frage ist, was wir genau machen: Ob wir eine Neuauflage von unserer alten Platte mit den neueren Songs verknüpfen, oder eine Split mit STRAHLENTOD oder DEN DEUTSCHEN KINDERN machen.. man weiß es nicht. Also wir auch noch nicht, haha.

Nic: Erst mal in die Küche Ananaskuchen essen, Tagada!

Vielen Dank für das Interview - Wir sehen uns am Donnerstag im Feierwerk!
Vielleicht gibt's ja Ananaskuchen..


Mehr Info zu Umluft 180°:

http://www.in-muenchen-nix-los.de/bands/umluft-180

http://umluft-180.bandcamp.com/

https://www.facebook.com/Umluft180

Tags: Umluft 180°