THE NIKOTEENS - das allerletzte Interview

THE NIKOTEENS

THE NIKOTEENS - ein letztes Mal live auf der Bühne beim IN MÜNCHEN NIX LOS!-Festival am 13.07.12 zur Veröffentlichung des Doppel-CD Samplers, für den sie noch exklusiv einen Song beigetragen haben. Da war doch noch eine CD geplant? Und jetzt das Abschiedskonzert? Wir haben nachgefragt - und Basser Loni hat uns geantwortet...

Mensch, THE NIKOTEENS geben ihr Abschiedskonzert... Da war doch schon mal eine Pause zwischendrin, denn man kann die Schaffenszeit der Band in zwei große Abschnitte einteilen: 1979 als Trio gegründet und später aufgestockt auf einen vierten Mann, zerbrach die Band 1986 nach den Veröffentlichungen von einer selbstproduzierten EP 'the End' (1981, re-release 1995) , der 1. LP 'Aloah Oehh' (1983, re-released mit Bonusmaterial 2001), dem legendären 'Skateboard Tape' (1984) und der 2. LP 'Hardcore Holocaust' (1986). Wie kam es zum Bruch? Gab es damals auch ein richtiges Abschiedskonzert?

Loni: Das war alles vor meiner Zeit, ich kann dazu aber dennoch was sagen. Die Band gründete sich Ende 1979 in Ingolstadt, hervorgegangen aus den Bands SHABBY DOGS und den HECTICS. Der Name NIKOTEENS war auf die damals angesagte Teenieband TEENS bezogen. Allgemein war in der Zeit 70s-Bombast-Rock, Glamrock und Hippiesound angesagt. Man selbst hörte aber auch die neuen Klänge des Punkrocks. Die ersten Songs entstanden, überwiegend mit deutschen Texten. Sie waren hart und für Ingolstadt totaler Underground. Die damalige Ur-Betzung waren: Trash-Bep, Hubsi und Gerold, in der auch die erste 7" eingespielt wurde. Die Aufnahmen dazu waren recht abenteuerlich. Eigentlich waren die Songs für den zweiten "Soundtrack zum Untergang"-Sampler bestimmt. Die Aufnahmen wurden deshalb für Aggressive Rockproduktionen in Berlin produziert. Zu dem Zeitpunkt war keiner über 18.

Walterbach, der Inhaber von AGR, hatte jedoch aus irgendeinem Grund ein Problem mit dem Text des Songs "Bomben über Russland", worauf er dann gleich gar nichts mehr von den NIKOTEENS auf den Sampler nehmen wollte. Somit wurde vor Ort das Band abgekauft und es entstand eine selbstproduzierte 5-Song-EP:

Nikoteens-Bomben über RußlandNikoteens - Bomben über Rußland (youtube)

Danach folgten diverse Konzerte, so dass zumindest im süddeutschen Raum ein gewisser Bekanntheitsgrad entstand. Die Band schickte dann ein Demo-Tape an Rock-O-Rama Records, welches damals ein angesagtes Underground-Label war, bevor es in den rechten Sumpf absackte. Dort erschienen z.B. auch die ersten Scheiben von RAZORS, OHL oder CHAOS Z. Dann ging alles ganz schnell. Die Band wurde nach Köln zu Aufnahmen eingeladen. Aufnahme und Mix wurden in zwei Tagen gemacht, und fertig – dementsprechend wurde die Soundqualität. Der Mischer hatte von Hardcore offenbar keinen blassen Schimmer, sondern kam aus irgendeiner Hippie-Ecke.

Angeblich wurde die LP über die Jahre 20.000 mal verkauft, wobei es dafür keine definitive Gewissheit gibt. Die Band bekam ein paar Freiexemplare, das wars, super... Die Resonanz auf die LP war weitaus größer als auf die EP. Damals bekam man sogar noch Fanpost, oft auch aus dem Ausland! Dass die Band nun international Zuspruch bekamen, lag wohl auch an der positiven Besprechung im US-Fanzine Maximum Rock’n’Roll.

Die 2. LP (1986) war mehr US-orientierter Sound. Ein paar Monate danach zerbrach die Band, da jeder seine eigenen Wege ging. Das war einfach der Lauf der Zeit. Ich glaube nicht, dass es damals ein extra angekündigtes Abschieds-Konzert gab. Mit neuen Leuten machte Gerold dann noch bis Ende der 80er weiter. 1988 erschien noch der Underground-Hit "Leader of the rotten corpse" auf dem 7" Sampler "Brainattack". Dazu gab es sogar das folgende Video, welches seinerzeit häufiger beim Fernsehsender Tele 5 lief:

Nikoteens-leader of the rotten corpseNikoteens-leader of the rotten corpse (youtube)

Ein paar Auftritte zusammen mit den CRO-MAGS folgten. Danach wäre eine Tour im Vorprogramm von MOTÖRHEAD möglich gewesen. Da hätte sich die Band jedoch einkaufen müssen, was deren Budget weit überstieg... Hätte die Band damals ein gutes Label im Rücken gehabt, das das Ganze finanziert hätte, wäre die Band sicher größer rausgekommen. Es sollte aber nicht sein, somit war man an einem Punkt angelagt wo man nicht mehr weiterkam. Man nannte sich um in SHOTGUN MG. Das ging dann aber auch nicht mehr lange und die NIKOTEENS zerbrachen endgültig.

Gerold und du, ihr hattet ja von 1998 an mit Thee Electric G-Boys (zuerst: Thee Electric Gestapo) ein wirklich großartiges gemeinsames Bandprojekt hier in München. Ähm - nachdem wir eben den Fall hatten, dass eine Band ihren Bandnamen aus mehr oder minder szene-politischen Gründen ändern musste, würden uns natürlich auch die Umstände eurer damaligen Umbenennung interessieren. Habt ihr Lust, darüber was zu erzählen oder sind das olle Kamellen, die man lieber nicht mehr hinterm Schrank hervorkramt?

Loni: Die G-BOYS Aufnahmen höre ich auch heute noch immer wieder mal, deshalb schreibe ich gern ein paar Zeilen zu vergangenen Tagen. Gerold wohnt schon seit Mitte der 80er in München. Dennoch lernten wir uns erst 1997 persönlich kennen. Schon damals war es ein Vorschlag von mir, ob man die NIKOTEENS nicht wiederbeleben sollte?!

Thee Electric G-Boys

Erstmal spielten wir aber bei den G-BOYS zusammen, zusammen mit Tommy Deathglam an der Gitarre. Das war ein richtig derber Sound. Bass und Gitarre ultra-verzerrt, dazu ein brülliger Gesang. Wir haben während unseres 8-jährigen Bestehens einige Aufnahmen gemacht, die aber leider nie veröffentlicht wurden. Ein paar Proberaum-Songs schafften es zumindest auf diverse Sampler:

  • Kreizkruzefix: 30 Top-Hits der Singles, CD, Agressive Noise, 2002
  • Punk over Munich Vol. 1, CD/LP, Aggressive Noise, 2001
  • Kultzone Vol. 2, CD, 2000
  • Kruzefix Nr. 9 / Single Beilage, 2000
  • Kruzefix Nr. 5 / Single Beilage, 1998

Der ursprüngliche Bandname ELECTRIC GESTAPO war von irgendeiner alten Punk-LP geklaut, ich weiß gar nicht mehr genau, von welcher, Wayne County vielleicht??? Der Name war auf jeden Fall ohne politischen Hintergedanken, sollte einfach nur gut und hart klingen, was ganz einfach zur Musik stimmig ist. Sprich: derber Sound - derber Name, nicht mehr nicht weniger. Es gibt natürlich immer die Besserwisser und Punk-Diktatoren, die mit dem meisten auf der Welt ein Problem haben und nichts besseres mit Ihrer Lebenszeit anzufangen wissen, als mit dem Finger auf andere zu zeigen. Sowas hat uns damals nicht interessiert und geht uns auch heute am Arsch vorbei. Oder muss man jemanden ernst nehmen, der einen Menschen nach der Farbe seiner Schnürsenkel be- und verurteilt? Auf die Meinung solcher Leute legen wir keinen Wert. Die Umbenennung war, als wir Aufnahmen an ein paar Labels verschickten und uns der Name nach einer gewissen Zeit des Bestehens albern und unvorteilhaft vorkam. Intern nannten wir uns eh immer die G-BOYS, so entstand der abgeänderte Name. Konzerte fanden ausschließlich in Bayern statt. 2006 löste sich die Band auf. Wer mal reinhören mag, klickt auf: www.myspace.com/theelectricgboys

2001 wurde die Aloah Oehh LP mit Bonusmaterial auf Schlecht&Schwindlig wiederveröffentlicht, auf Vinyl, aber erstmals auch auf CD. 30 Songs wurden da draufgepackt - das macht gleich von Anfang an klar, dass es sich bei eurem Material nicht um lange Balladen handelt! Nein, THE NIKOTEENS waren ja in den 80ern eine der wenigen deutschen Punk-Bands, die es schafften, die Einflüsse und die In-Your-Face Energie des damals entstehenden US-Hardcore in ihre Songs mit reinzupacken. War nach dem Re-Release einfach die Nachfrage nach Live-Auftritten so groß, dass ihr zwei - Gerold und Loni - euch entschieden habt, nicht nur mit den G-Boys zusammen auf die Bühne zu gehen? Wie habt ihr denn den Trash-Bep wieder mit ins Team bekommen?

nikoteens-aloah-oehh-lpLoni: Die Wiederveröffentlichung hatte ich damals angeleiert. Möglich, dass es für Gerold die Wiederveröffentlichung war, den Zeitpunkt zu sehen, jetzt oder nie?! Jedenfalls hatte er eh nie den Kontakt zum Trash-Bep verloren und fragte ihn einfach irgendwann mal, ob er nicht wieder Bock auf die NIKOTEENS hätte. Die Antwort war spontan "Na logisch...!" Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, den Bass zu übernehmen, und sagte ebenfalls ja. Wir trafen uns dann ein paar mal zum Proben, um zu sehen, wie es denn laufen würde?! Es lief gut!

Wir probten anfangs in der öffentlichen Tiefgarage des Ingolstädter Saturns in einem Stromzähler-Raum - das Ganze natürlich ungedämmt. Was für ein Lärm! Das hallte duch die gesamte Etage der Tiefgarage. Ich frag mich bis heute, wie das funktionierte und sich keiner beschwerte. Später fanden wir einen super Proberaum nahe Ingolstadt im Keller eines alten Bauernhofes für wenig Geld. Die Proberäume in München waren und sind unbezahlbar, so dass Gerold und ich stets den Fahrtweg in Kauf nahmen.

Das erste Set enthielt ausschließlich Songs der alten Platten, und es fand ein erstes Reunion-Konzert im Ingolstädter E-WIRT statt. Der Laden war rappelvoll. Ich glaube das war 2003. Da sind Leute teilweise von weiter her gekommen, um die Band zu sehen. Das war der Moment, wo wir gesagt haben, wir machen auf jeden Fall weiter. Als 5 neue Songs am Start waren, gingen wir kurzerhand ins Studio und veröffentlichten diese 2008 in Eigenproduktion als einseitig bespielte, auf 300 nummerierte, Vinyl-12”. Wer hier noch ein Rest-Exemplar ergattern möchte, kann sich direkt an den Gerold wenden: muzikilla(at)yahoo.de

Ihr habt dann nach eurer Wiederbelebung mit Bands wie LURKERS, PARTISANS, OHL, RAZORS, ASTA KASK, BÖSLINGE und anderen zusammen gespielt. Wart ihr richtig unterwegs oder fanden die Auftritte hauptsächlich in München statt? Was waren da die herausragendsten Momente?

Nikoteens im Trambahnhäusl 2011Loni: In München hatten wir nur 2,5 mal gespielt. 1x zum 30-Jährigen der NIKOTEENS, 1x auf nem Festival zwischen den Zubringer-Straßen zur Salzburger Autobahn (!) An dieser Stelle möchte ich nochmals hoffen, dass die zahlreichen Beamten in Grün, die das Rock-Spektakel vor bestimmt 70 Zuschauern von 6 Wägen aus beobachteten, Ihren Spass hatten. Hoffentlich bleibt Bayern auch in Zukunft sicher, ich wünsche es mir...

SCHORSCH KAMERUM von den GOLDENEN ZITRONEN organisierte in den Münchner Kammerspielen einen Abend, an dem es nur einen Song in verschiedensten Varianten zu hören geben sollte. Er fragte an, ob wir nicht auch Bock hätten eine Version zu machen. Somit probten wir am Vorabend der Veranstaltung "You don’t love me yet" von "Rocky Erickson" als fetzige 77er-Punk-Rock-Version ein. Der Song blieb lange in unserem Live-Programm.

 Herausragend waren die Konzerte in Österreich. Dort spielten wir u.a. mit den Wiener Punk-Legenden BÖSLINGE (Hallo Michi) und CHUZPE zusammen. Die Konzerte selbst weiß ich jetzt gar nicht mehr in Detail, aber ich weiß noch den Spass, den wir drumherum (vor allem stets in Wien) hatten. Richtig geil war auch unser 1. Gig in Tschechien, zusammen mit der UK-Punk-Legende THE PARTISANS vor ca. 500/600 Leuten oder bei Höhnie’s Geburtstags-Festival in Peine mit ASTA KASK. Ansonsten spielten wir eher im bayrischen Raum. Dort waren Einzelgigs der NIKOTEENS komischerweise besser besucht, als Konzerte wo wir z.B. vor den LURKERS spielten !!

Nikoteens-Outsider epIhr meintet, die positiven Reaktionen der Fans haben euch dann so motiviert, dass ihr Ende 2007 wieder anfingt, auch die neuen Songs aufzunehmen und zum Beispiel 'Leader Of The Rotten Corpse' von 1988 noch einmal in neuer Version einzuspielen. Es erschienen dann schließlich auf Höhnie Records 2011 die 7" EP 'Outsider'. Gerade die hat ja super Reviews bekommen, eine echt geile Scheibe! Einen weiteren der bisher unveröffentlichten Songs wird es nun noch auf der 'In München Nix Los!' Compilation zu hören geben. War's das wirklich? Werden THE NIKOTEENS nur live nicht mehr auftreten oder löst ihr euch komplett auf? Es war doch noch eine CD geplant...

Loni: Ja, das Feedback bei den ersten Reunion-Gigs war wirklich motivierend... Hätte es niemanden interessiert, hätten wir wohl auch keine neuen Songs gemacht. Die 300er Auflage der Outsider-Vinyl-EP (Höhnie-Records, der Titelsong ist übrigens ein Uralt-Song der NIKOTEENS von 1980) ist schon fast ausverkauft. Bei dem tollen Feedback der Platten-Reviews wäre es an sich nochmals motivierend gewesen, weiter zu machen, klar.

Die geplante CD sollte die beiden (bisher nur auf Vinyl erschienenen) Platten enthalten. Vielleicht mit noch ein paar neuen Bonus-Songs. Die war schon länger geplant, aber es hat sich halt keiner von uns darum gekümmert, die zu machen. Live hatten wir im letzten Jahr bereits weniger gespielt - und wie sollen wir die CD unter die Leute bringen, wenn nicht bei Konzerten? Mailordern hinterherzurennen macht von uns bestimmt auch keiner, deshalb ist die Sache mit der CD eingeschlafen. Ich persönlich hätte vor dem Abtreten der Band gerne noch einen kompletten 3. Longplayer aufgenommen. Ein paar gute neue Songs hatten wir sogar schon gemacht, aber aufnehmen werden wir die nicht mehr.

Es gibt ja einige Punk-Bands aus der Frühzeit, die nach ihrer meist frühen Auflösung mal ne Revival-Tour starten, vielleicht auch ne begleitende 'Best-Of' Scheibe veröffentlichen, von der 80s-Nostalgie-Welle profitieren und dann schnell wieder von der Bildfläche verschwinden. Bei euch hat das 'Revival' jetzt ganze 10 Jahre gehalten, das hat natürlich eine ganz andere Qualität. Was sind nun die Gründe für das Aus?

Loni: Generell gibts zu den letzten 10 Jahren zu sagen, dass das eine ganz große Spaß-Geschichte war. Große kommerzielle Erfolge hatten wir eh nicht erwartet. Wir spielten als Freunde bei den NIKOTEENS zusammen und nicht als Zweckmusiker für Revival-Konzerte. Wir hatten unseren Spaß schon während der Fahrt zum Proben.

Die Musik der NIKOTEENS hat sich an keinen Trends oder Bands orientiert. Wir haben das gemacht, worauf wir Bock hatten. Wir wollten niemandem was beweisen, niemandem irgendwas recht machen, niemanden beeindrucken. Nun ist es so gekommen, dass Trash-Bep immer weniger Zeit hatte. Er ist Lehrer und bekommt immer mehr zeitliche Anforderungen gestellt, die er irgendwie in 24 Stunden pro Tag schaffen muss. Zum Job kommen dann noch diverse private Dinge hinzu - und schon wird ein Tag zu kurz, um alles unter einen Hut zu kriegen. Gerold ist durch seinen Schichtdienst an den Kammerspielen leider über ein halbes Jahr im Nachtdienst, so dass Probe-Termine immer spärlicher wurden.

Abgesehen vom Zeit-Problem, haben wir auch immer mehr unterschiedliche Sound-Vorstellungen. Gerold mag mehr in die rockige Mid-Tempo-Ecke, Trash-Bep ist ein Rock-n-Roller mit Schwerpunkt auf 77er Punk-Rock und ich mag eher High-Speed-Punk Richtung ZEKE oder CAPACES spielen. Das waren die Gründe, wo wir uns fragten: macht es noch Sinn weiter zu machen? Wir waren einstimmig der Meinung: NEIN. Wir hatten eine schöne Zeit und nun ist der Moment gekommen, wo wir was anderes neues anfangen. Das ist auch ok.

Beppo wird seinen Segelschein machen und die Weltmeere unsicher machen, Gerold wird erstmal alleine trommeln und am Rechner hin und wieder Musik aufnehmen und ich bin ja bei den RAMONAS ( www.isarpunk.de ) aktiv. Wir freuen uns auf alle, die zu unserem Abschiedskonzert kommen werden und mit uns ein letztes mal ein Bier anstossen, schnief..., und dann kommt definitiv der Deckel drauf... Habe die Ehre...

Danke für das Interesse an einem letzten Interview !!!

THE NIKOTEENS auf Myspace: www.myspace.com/nikoteens

THE NIKOTEENS am 13.07.2012 beim Festival 'IN MÜNCHEN NIX LOS!'

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