Kopfeck RIP - Interview mit Michl

kopfeck-logoEin Nachruf. 6 Jahre Kopfeck Bar + Cafe + Vegetarian Food + Punk endeten am 02.04.11.
Die Abschiedsparty fand am 29.04.11 statt.
Ein sehr ausführliches Interview mit Michl 'Kopfeck'.

 

Hi Michl, Wie war die Kopfeck-Abschiedsparty? Gab's noch mal Ärger?
Und vor allem: Wer hat jetzt das Black Flag Plakat?

michlDie Abschiedsparty vom Kopfeck war ein fulminantes Fest. Das Black Flag Poster ist nach wie vor in unserem Besitz, geklaut wurden lediglich der Alf, das AC/DC Bild an der Theke, und – na ja, die wirklichen Schätze hatten wir schon in Sicherheit gebracht. Das Fest war genau so, wie es sein sollte, am Schluss waren alle so besoffen, dass sich die Trauer von einem Kater hat überschatten lassen... Die Anwohner, die vom Altenheim, die haben natürlich wieder die Bullen gerufen – zum letzten Mal – aber die haben sich auch richtig diplomatisch gezeigt. Sie haben erst mit der Dame an der Rezeption im Altenheim die Rahmenbedingungen, die sie sich vorstellt, damit die Party doch noch weitergehen könnte, eruiert und haben dann gemeint, na ja, wenn ein Großteil der Leute jetzt von der Straße verschwindet und ein relativ normaler Zustand wieder hergestellt wird – also wenn das nicht mehr mit In-die-Bäume-Kraxeln und solchen Sachen verbunden ist – dann passt das schon. Und so mit einem Augenzwinkern haben die uns wissen lassen, dass es ihnen quasi dann wurscht ist, ob die Leute drin rauchen oder nicht, Hauptsache, die sind nicht mehr auf der Straße und sie müssen nicht noch einmal kommen... Und so war es dann auch, wir durften die Party bis zum ‚offiziellen’ Ende durchziehen. Das offizielle Ende war verbunden mit Sprachverlust, das ganze Bier war weg, wir haben echt die letzten Reserven aufgebraucht. Der Letzte, der gegangen ist, das war ich – und wer der Vorletzte war, weiß ich nicht ... Und gegangen bin ich auch nicht mehr.

Kopfeck das Veggie-Punk-Cafe? Der Name, Die Idee und die Kopfecks dahinter?

Die Idee für die Kneipe kam vor mittlerweile über sechs Jahren von mir. Was mich immer schon gestört hat, an diesem Punk-Ding, ist erstens, dass es fast ausschließlich so Läden sind, wo man so eine komische Etikette hat, dass man nur rein darf, wenn man ein Punker ist, und komisch angeschaut wird, wenn man anders ausschaut.platten
Und zweitens war Punk für mich immer ein bisschen mehr als nur Bier saufen, Bands anschauen und die Musik hören, die sowieso schon jeder kennt. So entstand bei mir die Idee, was in einem etwas anderen Rahmen aufzuziehen.

Den Vegetarismus, den wir haben, den haben wir aus der Punkszene – teilweise aus dem 90er Jahre Hardcore, teilweise auch über Bands wie Antisect und so. Du kannst aber mit Vegetarismus trotzdem auch irgendwelche Omis oder ganz normale Leute erreichen, und denen auch zeigen, dass das nicht so ein ganz komischer Kult ist, wo man nur hindarf, wenn man irrsinnig bunte Haare hat, sondern dass das Ideen sind oder auch Musik ist, an die man Leute auch heranführen kann, die erstmal nicht wirklich einen Zugang haben.

In der Hinsicht haben wir glaub ich auch einen guten Job gemacht, weil bei unseren Stammgästen wirklich auch ein Haufen Leute dabei waren, die mit Discharge wirklich nichts oder wenig am Hut haben, sich aber trotzdem reingesetzt haben, während Discharge lief. Das ist wirklich so das Ding, was ich generell, auch mit dem Label verfolge: dass es wirklich coole Sachen gibt, wo man viel mehr Leute dafür begeistern kann, die nicht unbedingt 200% auch diese Attitüde teilen müssen.

Die konnten sich bei uns in eine normale vegetarische Kneipe reinsetzen – gut, die Leute dort schauen vielleicht anderes aus und es ist jetzt nicht so aus wie im ‚Prinz Myschkin’ oder so was… Aber wir machten einen guten Job und hatten auch einen qualitativen Standard, präsentiert in einem Rahmen, der eben nicht so schicki oder sonst was ist. Gleichzeitig aber auch so, dass da natürlich nicht irgendein Hund besoffen in der Ecke liegt oder sonst was. Was natürlich in vielen Punkerläden so ist, und wo ich mir denke: ‚Ist ja cool, dass es auch so was noch gibt...!’ Zum Beispiel hab ich mir in der Köpi letztens das Szenario angeschaut und fand das echt geil. Aber gleichzeitig denk ich mir: ‚Hey, ihr habt da ein riesiges Potential und Chancen mit all diesen ganzen Räumen und ihr macht nichts daraus, außer Bier zu saufen!’

Wir haben eben versucht, das alles anderes aufzuziehen, und das ist wirklich schwierig, wenn du selbständig involviert bist und einen Haufen Geld reinsteckst und alles. Das ist der große Unterschied zu den klassischen Punkerläden und Jugendzentren und so, wo du einen Haufen Zeit reinsteckst aber sonst auch nichts verlierst. Das war bei uns schon immer so, dass wir das ganze Risiko hatten und nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit investiert haben, in der wir uns auch einen richtigen Job hätten suchen können.

Ich hatte da aber generell keinen Bock drauf, sonst hätte ich ja auch nicht das Studieren aufgehört. Ich wusste, ich werde keinen Job als Historiker finden. Ich fand das alles an der Uni nicht mehr so spannend ab dem Zeitpunkt, wo das einsetzte, dass irgendwelche Forschungsprojekte von irgendwelchen Firmen finanziert wurden. Du weißt genau, worauf das rausläuft, nämlich dass du dann in 15 Jahren die Geschichte von Apple schreiben darfst oder was weiß ich, wo du dann vorher schon genau weißt, was du schreiben musst. Gleichzeitig war der Lehrbetrieb auch nicht mein Ideal, Lehrer wollte ich auch nicht werden – also war es da auch so, dass man zwar einerseits seinen Abschluss macht aber sich nebenher sowieso um etwas anderes kümmern muss.

Also dachte ich mir, ich kann andere Sachen wohl besser machen und probier das einfach mal aus. Das hätte total in die Hosen gehen können, klar. Wir sind die die Gastro rein und hatten überhaupt keine Ahnung von überhaupt gar nichts, wir hatten höchstens mal bei irgendwelchen Konzerten Bier verkauft und ein bisschen Essen gekocht. Aber wenn du dann viel Geld reingesteckt hast, musst du das auch irgendwie durchziehen. barDu musst dir das alles selber beibringen, und das fand ich viel spannender, als in einen Job reinzugehen, wo du vorher die Ausbildung gemacht hast und dann erst mal der Depp bist. Sondern du stehst eben da und keiner erklärt dir was – du musst alles selbst herausfinden. Und wenn du das nicht schaffst, bist du halt selbst der Depp, der sagen muss: ‚Sorry, ich kann dir das heute nicht anbieten, weil ich nicht weiß, wie ich das machen soll.’ Das war schon ein sehr lehrreicher Prozess, da hab ich sehr viel gelernt, was ich auch auf den Start von meinem Label übertragen konnte.

... dann sperr' ma' wieder auf...

Der Name Kopfeck, das hat einen recht profanen Grund. Wir brauchten bei der Gründung sehr kurzfristig einen Namen, mein damaliger Partner Fritz und ich... Wir waren beide große Monaco-Franze Fans, und den Manni Kopfeck, den hat immer keiner so richtig beachtet, weil er auch so früh gestorben ist. Das war für mich jemand, der mehr verdient hatte! Der hat zwar auch mit der Idee von unserer Kneipe nichts zu tun – das hat auch immer viele Leute ein aussen-sbisschen irritiert – aber wir haben das dann einfach genommen, weil uns nichts anderes eingefallen ist auf die Schnelle.
So kam dann diese quasi Corporate Identity dabei raus, und ich finde, wir haben das ganz cool gemacht dann.
'Und dann sperr' ma' wieder auf und dann sperr' ma' wieder zua...' genau, das ist mein DJ-Name: Erwin Hillermeier (Anm. d. Red.: Karl Obermayr – spielt im Monaco Franze den Manni Kopfeck und in den Münchner Geschichten den Erwin Hillermeier).

Grösser Weicher Saftiger?

Angefangen haben wir am Rossmarkt, beim Sendlinger Tor. Das war ein relativ kleiner Laden, den wir auch zu zweit schmeißen konnten. Es sollte was Kleines sein, was auch tagsüber offen hat. Es hat sich schnell rausgestellt, dass das tagsüber schwierig ist, aber wir haben das trotzdem erstmal weiter gemacht. Da der Laden recht klein war und sich aber dieser Kneipencharakter immer mehr herauskristallisiert hat, war es echt schwierig. Zum Beispiel wenn du irgendwelche größeren Gruppen hattest, konntest du entscheiden, entweder hast du 15 Leute zum Saufen am Tisch oder 15 Leute zum Essen. Du konntest nicht beides bieten, denn es war keine wirkliche Bar da, in der Küche gab es keinen Gasherd, wir hatten keine Getränkekühlung, nur Flaschenbier usw. Wir sind einfach voll an unsere Ressourcengrenzen gestoßen, du konntest zum Beispiel gar nicht schnell genug wieder auffüllen, dass das Bier kalt bleibt oder so. Ganz profane Sachen.

Also mussten wir uns vergrößern, und das haben wir gemacht. Mein erster Partner, der Fritz, der war da auch noch dabei, Keith und Simon sind dazugekommen, und wir sind in den Laden in der Klenzestraße umgezogen. 

Specials + Highlights

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Es gab bei uns sehr beliebte Silvesterparties, die mit sehr viel Tanz und sehr viel Spaß verbunden waren, ein paar Konzerte, zum Beispiel mit Polite Sleeper, die immer bei uns gespielt haben, wenn sie mal wieder in München waren – und wo immer gegen 21:30 Uhr das Konzert von der Polizei unterbrochen wurde, obwohl es akustisch war.

Dann haben wir immer sonntags Tatort gemacht, das war ein richtiger Selbstläufer. Ich bin selbst nicht so der Tatort-Fan – jetzt kann ich es ja endlich sagen... Wir hatten uns für diese WM 2006 einen Beamer angeschafft, weil man das damals einfach zeigen musste. Dann hatten wir diesen Beamer und fragten uns, was wir jetzt damit machen sollten. Ein paar Kumpels von mir aus Hamburg hatten erzählt, dass sie jeden Sonntagabend in irgendeiner Kneipe den Tatort anschauen. Also probierten wir das einfach aus. Wir waren glaub ich in München mit die ersten, die das gemacht haben und haben dann komischerweise relativ schnell viel Presse bekommen. Dreimal waren wir glaub ich damit in der SZ und wurden mit der Schrannenhalle und so verglichen. Das wurde immer sehr wohlwollend und positiv rübergebracht. Im neuen Laden war das dann echt fast wie im Kino, weil die Leinwand richtig groß war.

moviesDeshalb haben wir dann auch das mit den Punk-Film-Abenden dort gemacht. Leider war das ziemlich zum Schluss, da hätte ich mir schon gedacht, dass noch sehr viele Filme hätten nachfolgen können. Das hat dann diese Atmosphäre ausgemacht, du hast gesehen, das ist zwar wie im Kino aber es ist trotzdem in einer Kneipe – und die Leute halten sogar die Schnauze, während der Film läuft...

Das war eine schöne Möglichkeit – aber du machst natürlich damit kein Geld, weil die Leute nichts bestellen, während sie den Film anschauen. Nach den Filmen sind die Leute oft länger dageblieben, weil dann auch noch Musik lief, die in den Kontext gepasst hat, aber bei den Tatorten war es eigentlich immer so, dass relativ schnell alle gegangen sind, weil das ja immer am Sonntag war und am Montag alle früh aufstehen mussten, um in die Arbeit zu gehen oder zum Studieren.

... und dann sperr' ma' wieder zua... 

Das Ende - Warum? So plötzlich?

Wir konnten von dem Prozess, der sich da abgespielt hat, immer nichts mitteilen, weil wir eigentlich nie wirklich genau wussten, was wir jetzt machen.
Der Entscheidungsprozess ging über ein Jahr! Solche Dinge kann man aber nicht kommunizieren, weil – du weißt ja, wie das ist – da ist dann sofort die Gerüchteküche in schwindelerregende Höhen brodelt und du hast auch keinen Bock, mit jedem Deppen, der bei dir ein Bier holt, über das Thema dauernd reden zu müssen.
Das ist das Andere: Du bist als Wirt eine Art öffentliche Person, die halt ständig Fragen beantworten muss. ‚Hey, ich hab gehört dass...’
Und darauf hatte keiner von uns Bock.

michlEs ging mit dem neuen Laden jetzt drei Jahre – und du hast natürlich so eine Verlaufsphase, wo du schaust, wie es läuft: Wie viel Geld kommt rein, was bleibt hängen, ist es irgendwie realistisch, dass man davon irgendwann richtig leben kann, ohne nebenbei noch arbeiten zu gehen und solche Sachen. Irgendwann ist der Punkt da, wo du dir auch dann Fragen zur persönlichen Motivation stellen muss, also: Hab ich Bock, mich da noch mal sechs, sieben Jahre reinzustellen? Hab ich mit 40 auch noch Lust drauf, der Depp zu sein, der hinterher die Flaschen einsammelt und sagt, dass die Leute leise sein sollen? Was natürlich irgendwie als Wirt dein Job ist... Wir haben versucht, das Modell ein bisschen umzustellen, mehr Leute mit zu involvieren, damit das nicht mehr so ein Ding ist, wo Leute ihren Lebensunterhalt damit verdienen müssen, was mit 50, 60, 70 Stunden Arbeit in der Woche verbunden ist…

Dazu kommt, dass das Kopfeck ist nicht so beschissen gelaufen, dass du gleich hättest sagen können, das ist ein totaler Schmarrn, das bringt überhaupt nichts und wir sperren lieber wieder zu. Das macht es am schwierigsten, weil du dir natürlich denkst: ‚Hey, hier sind dauernd Leute, hier ist immer was los, hier verkaufst du auch Sachen! Aber, Moment mal – wieso habe ich eigentlich nicht das Gehalt, das ein anderer normal so bekommt, der so viel arbeiten geht...?’
Jetzt mal jeglichen Idealismus und alles beiseite – im Endeffekt machst du das dann doch nur, damit du deine Kohle zusammenkriegst. Du gehst auch nicht mal so 70 Stunden irgendwo arbeiten... Ich habe mir meinen Stundenlohn nie ausgerechnet, das bringt ja doch nichts.

Von uns ist keiner mehr 21 Jahre alt, wo es wurscht ist, ob du fünf Jahre lang studieren gehst oder eine Kneipe machst. Ich bin jetzt 32 und hab das mit 26 angefangen, das ist jetzt so eine Phase, wo man sich schon Gedanken machen muss, wie soll das weitergehen – bevor man in Regionen des Alters vordringt, von denen man heute noch gar nichts wissen will.

Bei mir kam noch dazu, dass ich auch mein Label habe. So ein Doppelding ist irgendwann auch scheiße, denn du möchtest ja bei beidem einen guten Job machen. Aber wenn du die Zeit nicht hast, musst du Abstriche machen – und dann machst du keinen guten Job mehr. Das nervt mit der Zeit, weil du dir denkst: Ich kann das eigentlich besser...

keithDaher war das dann so, dass, als wirklich alle Optionen, inklusive der, dass wir andere Leute finden, die das in dem Sinne weitermachen, zerschlagen waren, der Punkt gekommen war, wo wir wussten, wir müssen das jetzt irgendwie über die Bühne bringen. Da hatten wir den Vorteil, dass wir den Laden zwar gemietet hatten, aber das alles, was drin ist, uns gehörte – also die komplette Einrichtung inklusive Fußboden und das ganze Equipment. Also haben wir alles einfach ausgeschrieben und geschaut, ob wir zu dem vorgestellten Preis jemanden finden, der uns das alles abnimmt. Auch das hat natürlich seine Zeit gedauert, aber als das klar wurde, wer das sein wird, ging alles relativ schnell – mittlerweile schneller, als ich es gewollt hatte.
Deswegen war da von außen her dieser Überraschungseffekt.

Beim Team dabei waren zum Schluss der Keith, der Simon und ich, wobei der Keith Teilhaber war, aber nicht wirklich integriert, nur so bei Auslieferungen und beim Papierkram und so. Die Inhaber, die voll gearbeitet haben dort, waren der Simon und ich – der Simon in der Küche und ich im Barbereich.

Rauchen ist nicht cool – eigentlich...

simonDas Rauchverbot an sich hat Läden viel stärker betroffen, die irgendwie reine Kneipen waren, also Stehausschänke oder Stüberl. Wir waren am ehesten betroffen, wenn wir diese starken Wochenende hatten, wo viele Leute auch bis drei Uhr noch Party machten – was für uns immens wichtiges Geld war, weil du mit Essen relativ wenig Geld verdienst. Da war es gut, dass wir anfangs die Möglichkeit hatten, relativ flexibel zu sein, weil wir unter dieser 70-Quadratmeter-Grenze waren. Wir konnten in Abstimmung mit den Gästen zum Beispiel sagen, heute kann man bei uns rauchen, weil eben die Stimmung so ist.

Ich finde das wirklich sinnvoll – wir sind immer herumgegangen und haben die Leute gefragt. Es gab durchaus auch Abende, wo auch ein Haufen Leute da war, aber es wurde trotzdem nicht geraucht, weil es eben jemanden gestört hätte. Ich finde es eigentlich eine viel coolere Regelung, wenn ich sagen kann: ‚Die einen wollen rauchen, die anderen wollen nicht rauchen – bitte macht das untereinander aus!’ Und wenn 10 Leute sagen, wir wollen nicht, dass geraucht wird, dann verstehen das die anderen eigentlich – oder sie sind einfach Deppen.

In dem Moment, wo das ein Gesetz ist und du die Leute rausschicken musst zum Rauchen, machst du natürlich weniger Umsatz. Die Leute stehen ständig draußen und du hast nicht mehr dieses typische Bargesitze, wo sie doch auch noch ein oder zwei Schnäpse trinken und den ganzen Abend eigentlich im Sitzen verbringen und höchstens dreimal aufs Klo gehen. Die Frequenz des Raus- und Reinlaufens hat sich natürlich auch in der konsumierten Menge des Bieres bemerkbar gemacht.

Mit den Anwohnern, das war vor allem anfangs ein Problem. Unsere Nachbarn, das war ein Altenheim, relativ gut betucht. Das erste Jahr gab es eigentlich den meisten Ärger, weil die das nicht gewohnt waren, dass es einen Laden in der Straße gibt, der so ist, wie wir eben sind. Die mochten uns von Anfang an nicht und haben dann böse Briefe geschrieben, statt einfach mal vorbeizuschauen und mit uns zu reden. Also war von unserer Seite auch nicht wirklich viel Diplomatisches da.

Das Problem, was du jetzt mit dem aktuell gültigen Rauchverbot hast, ist, dass dir jemand, wenn der dich nicht mag, daraus einen Strick drehen kann. Das heißt, wenn du wirklich die Leute bei dir in der Kneipe rauchen lässt und die Tür nicht zusperrst und irgendjemand, der dich nicht mag, geht vorbei und sieht durchs Fenster, dass drinnen geraucht wird – dann schickt der dir einfach die Bullen vorbei und du darfst irgendeine blöde Strafe zahlen. Obwohl es eigentlich keine Sau was angeht! Das ist das, was mich am meisten nervt!

Das Rauchverbot nimmt dir als Wirt die Entscheidung, dir auszusuchen, wie du was gestaltest. Rauchen ist an sich nicht verboten – und außer Apothekern hat jeder, der sich dem blöden Kapitalismus unterwirft und ein Geschäft aufmacht, das Recht zu sagen: ‚Du, ich mag dich nicht, ich verkauf dir nichts!’ Das ist ähnlich, wie wenn einer mit einem Thor Steinar Pulli reinkommt, dann sag ich zu dem: ‚Schleich dich, du kriegst hier kein Bier!’ Und das finde ich ganz wichtig. Jeder Wirt hat das Recht, Hausverbote auszusprechen oder jemandem was zu verweigern, da brauchst du noch nicht mal nen Grund angeben. Aber wenn ich jetzt sage, ich möchte in meinem Laden nur Leute drin haben, die gerne rauchen, weil ich eben auch gern rauche, und ich will, dass es hier total verraucht ist und stinkt – dann brauch ich niemanden, der mir sagt, ich darf das nicht machen. Jeder Gast weiß doch dann von vornherein, worauf er sich einlässt.

Das hat mich am meisten geärgert am Rauchverbot, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass das dein Geld ist, was da drin steckt und nicht das von irgendwelchen Institutionen. So wird eine gewisse Art von Läden kaputtgemacht und im Grunde genommen ein ganzer Sozialbereich, denn grad wenn man so Eckkneipen anschaut, das sind oft die einzigen sozialen Orte, wo irgendwelche Hartz-IV Versager, die jetzt aufs Rentenalter zugehen, überhaupt noch hingehen und Leute treffen, die sie kennen. Das sind dann ganz andere Dimensionen, die das Rauchverbot mit sich bringt, wenn das dadurch kaputtgemacht wird, finde ich das richtig scheiße.

Ganz abgesehen davon, dass Rauchen nicht cool ist – eigentlich – und Saufen auch nicht – eigentlich – aber wir machen das trotzdem alle, und das ist ein ganz anderes Thema...

Gäste – nicht Kunden!

Leute aus der überzeugten Veganer- oder Vegetarier- oder Punk- oder Hardcore-Szene fanden uns eigentlich immer gar nicht so cool, weil wir nicht so 100% ihrem Klischee entsprochen haben. Genau das aber führte wiederum dazu, dass auch viele Leute aus dem Viertel zu uns kamen, die sonst hier in der Gegend nirgends wo mehr hingehen wollten, weil sich hier ja auch alles total verändert hat, total schick geworden ist und so. Die haben vielleicht dann zu 90% eigentlich sogar Fleisch gegessen, aber sie sind trotzdem zu uns gekommen, weil sie gemerkt haben, dass die Atmosphäre gut ist bei uns.

Das war der Deal, den wir den Leuten auch anbieten wollten: Du musst hier keine Eintrittskarte für irgendwelche Ideologien haben, sondern du kommst her, weil es dir gefällt – und wenn es dir nicht gefällt, dann kommst du eben nicht mehr. Deswegen war das Publikum recht unterschiedlich, schon relativ jung und studentisch, aber jetzt nicht so beinhart szenemäßig, wie wenn du in irgendeinen Rockabilly-Laden oder Skinhead-Schuppen oder Mod-Treff gehen würdest, wo du gleich denkst: ‚Woah, ich schau nicht aus wie alle anderen hier, ich glaub, ich geh besser wieder...’

Wir wollten nicht irgendeine Art von Szeneideal oder so einen Scheiß verkaufen müssen, denn das hat 2011 keine Bedeutung mehr. Heute sagt jeder: ‚Punk? Ach ja, Punk kenne ich.’ Das war sicher 1977 nicht so. Da wir selber nicht so ideologisch sind, haben wir auch versucht, das nicht mal so fake-mäßig zu vertreten. Ich hätte das also auch blöd gefunden, jemanden einen streng veganen Laden vorzusetzen, wenn ich das selbst nicht so mache. Ich bin kein Veganer – ich war mal Veganer und verstehe, wie das läuft und was dahinter steckt. Ich verstehe den Mechanismus, wie das läuft in deinem Hirn, warum du Veganer wirst. Irgendwann hab ich bei mir persönlich gemerkt, dass ich mir da nicht nur irgendeinen Rahmen setze sondern viele Grenzen. Aber ich will eigentlich tun, worauf ich Bock hab – ohne scheiß-hedonistisch zu sein. Aber so haben wir das dann aufgeweitet, der einzige Konsens bei uns war: ‚Es gibt kein Fleisch’. Natürlich schauten wir auch sonst auf gewisse Sachen – solange das im finanziellen Rahmen blieb, denn wir wollten für unser Essen auch nicht 15 oder 20 Euro verlangen müssen.

Womit du Geld verdienen kannst, ist, wenn du alles fertig einkaufst und den letzten Schlunz servierst und dafür 12 Euro verlangst – wie es in normalen bairischen Wirtshäusern seit Ewigkeiten üblich ist.

Die Diskussionen und Angriffe auf irgendwelchen Foren haben wir immer ignoriert. Was wirklich zählt, ist das, was sich vor Ort abspielt. Wenn jemand vor Ort zu mir herkommt und sich über irgendwas beschwert beziehungsweise versucht, mir was näher zu bringen, ist das was ganz anderes, als wenn irgendwer irgendwas irgendwo hinschreibt, denn das betrifft mich nicht. Das ist wie an irgendeiner Klowand oder so.

Wir haben sicher nicht zugesperrt aus dem Grund, dass uns irgendwelche Veganer vielleicht den Rücken zugekehrt haben. Bei all diesen posthumen Diskussionen nervt mich vor allem, dass die Leute nicht mal den Nerv haben, dich selbst zu fragen, woran es lag, sondern sich irgendwas zusammenreimen. Bei der Gastro ist das ganz schlimm, dass die Gäste immer glauben, alles besser zu wissen, immer genau zu wissen, wie eigentlich was funktioniert, wie viel Getränkeumsatz man angeblich machen muss, damit der Laden läuft, und blablabla. Ich bin jetzt selbst sechs Jahre durch eine harte Schule gegangen und weiß selbst eigentlich immer noch überhaupt nichts.

Michl, was nun? Wie geht’s weiter?

Der Simon hat ein abgeschlossenes Studium, hat aber auch nebenher schon gearbeitet. Der wird wohl erst mal diesen Job weitermachen und irgendwann wird er sich als Soziologe weiter betätigen, denke ich. Das ist der Einzige von uns, der einen fertigen Abschluss hat. Die Bedienungen sind teilweise in anderen Läden untergekommen, das war nicht so schwierig. Waren ja auch nur 400 Euro Jobs. Der Koch, der war lang bei uns angestellt, der ist in der Lage, eine Pause zu machen, um sich was zu suchen. Der ist auch gut genug, der wird bestimmt was finden.

Das war eine Komponente, die viele Leute nicht gesehen haben: Es hängt ja nicht nur deine eigenen Kohle mit dran, sondern auch viele andere Leute. Die Scheiße am Chef-Sein ist ja genau das, dass du der letzte bist, der sich Geld raus nimmt, weil es vorher alle anderen kriegen, weil du weißt, die sind auf dich angewiesen und die arbeiten für dich und sind da für dich. Daher bin ich ganz froh, jetzt ein Label zu machen, was ich komplett alleine mache – ich treffe meine Entscheidungen alleine und muss alleine klarkommen. Klar fragst du dann mal einen Kumpel: ‚Hey, hast du Bock, heute mit mir Cover zu falten und Platten einzutüten und fernzusehen und ich kauf einen Kasten Bier?’ Aber das ist was anderes, als wenn du jemandem sagst, ich zahl dir soundsoviel Geld und du arbeitest soundsoviele Stunden in der Woche für mich. Mit der Voraussicht, dass das dann auch wirklich läuft und er sich darauf verlassen kann, weil er vielleicht sogar auch noch ein Kind hat und solche Geschichten. Das sind so Sachen, wo das Chef-Sein nicht cool ist. Vielleicht ist das einfacher, wenn es sich um einen richtig großen Betrieb handelt, aber bei so einem kleinen Laden bist doch du derjenige, der sich da immer Gedanken darum macht.

Deine Pläne? Und Taken By Surprise Records?

Adler_Michl_blogDas Label gibt es seit 2008. Davor hab ich zwar schon Platten verkauft und getauscht, das hab ich im alten Laden schon angefangen – weil ich gemerkt hatte, dass diese Gastrowelt nicht 100% mein Ding ist. In dem Rahmen war das schon cool, aber ich habe gemerkt, dass ich dieses Subkulturding nicht ganz aufgeben kann. Ich kann nicht nur der Vollzeit-Gastrodepp sein, der nicht mehr auf Konzerte geht. Also habe ich versucht, Brücken zu bauen, damit ich beides gleichzeitig machen kann, sprich ich stell in den Laden eine Kiste Platten zum Verkauf rein, ich versuch, wenn Bands hier sind, die auch akustisch spielen können, die auch bei uns auftreten zu lassen und so weiter.

Dann kam die erste Veröffentlichung, Autistic Youth - Landmine Beach LP, und die hat richtig gut funktioniert, viel besser, als ich das gedacht hatte. Da haben wir gleich die erste Pressung von 1000 Platten weitergekriegt, das hab ich mit meinem Kumpel Sabotage zusammen gemacht, den ich schon seit Urzeiten kenne. Ja, dann ging es relativ schnell halt los, dass die Band auf ihrer Tour im selben Jahr ganz gut verkauft hat, also hab ich gleich mehrere Veröffentlichungen drangehängt, die auch alle ganz gut gelaufen sind.

Dementsprechend hatte ich besonders am Schluss wirklich sehr viel zu tun, weil das Label im ersten Jahr drei Veröffentlichungen und dieses Jahr schon bis April fünf oder sechs, die alle so nach und nach rauskommen. Etwas chaotisch das Ganze, da haben sich Veröffentlichungstermine teilweise ein bisschen überschnitten und zwischendrin gab es plötzlich noch irgendwelche Platten, die unbedingt auch noch raus mussten und so.

tbs-2010-2-kMein Label ist jetzt nichts, womit ich je meinen Lebensunterhalt verdienen werde, aber es ist etwas, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Wo natürlich ein Teil von dem, was ich auch im Kopfeck versucht habe umzusetzen, auch mitschwingt: dass du kulturell aktiv bist, dass du versucht, mehr Leuten Sachen zu präsentieren, die sie vielleicht noch nicht kennen. Das ist so der Hauptgrund, das Label zu machen. Ich habe ja jetzt auch nebenbei schon gearbeitet – ich habe einen Job als Nachtpförtner in einem Alkoholikerwohnheim. Ich versuche jetzt natürlich, die Zeit zu nutzen, die mir ab jetzt überbleibt, um mit Bands auf Tour zu gehen.

Das geht aber mit Kneipe überhaupt nicht, da springt nicht mal ein Tag raus für so was. Na, so was möchte ich persönlich jetzt eben wieder machen, denn das ist genau das, was ich verpasst habe, obwohl ich nebenbei das Label hatte. Ich war der, der diesen Bands teilweise überhaupt erst ermöglicht hat, hier zu touren – aber auch immer der, der nie was davon hatte, spassmäßig...

Bei diesem ganzen Punk-Ding wird eh keiner reich...

tbs-2010-kDie Platten werde ich erstmal bei hoffentlich mehr Konzerten verkaufen, auf die ich jetzt ja wieder gehen kann.
Sonst hab ich einen Online-Shop, wo man die kaufen kann unter:
www.takenbysurprise.net/shop
Klar ist anzudenken, zum Label dazu dann einen Laden aufzumachen, aber ich werde da bestimmt nicht der Federführende sein in einem solchen Projekt. Ich bin ganz froh drum, jetzt meine eigene kleine Kiste basteln zu können.

München ist ein schwieriges Pflaster, was Plattenläden angeht (das Resonanz vom Markus musste gerade zusperren) – aber ich merke auch generell, dass bundesweit Plattenläden einen schwierigen Stand haben, weil es immer weniger wird und du schauen musst, dass du dein Geld anderweitig verdienst.

Natürlich ist auch in München schon ein Bedarf da, aber den kann man ja vielleicht auch anders decken. Man darf nicht nur in so starren Laden-Formen denken, aus anderen Städten kenne ich das zum Beispiel, dass du dich mit dem Label in irgendeiner Bude triffst oder dass man mal einen Markt veranstaltet, vielleicht im Kafe Kult oder so, was börsenmäßiges. Aber nicht wie diese Plattenbörsen, wo dann 15 Euro Eintritt verlangt werden und das Zeug viel teurer verkauft wird, als es eigentlich wert ist. Aber wenn es mehr Leute gibt, die so was machen, dann könnte man sich in regelmäßigen Abständen zu einer solchen Art Event zusammentun. Das wäre cool. Bei mir ist das einfacher, weil ich das jahrelang bei Konzerten gemacht habe – da bin ich in München aber fast der einzige... Auf Konzerten findest du doch eigentlich die Leute, die sich wirklich für Musik interessieren, da ist das am einfachsten!

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http://www.kopfeck.de
http://www.takenbysurprise.net/
http://twoheartsarebetterthanone.blogspot.com/

Tags: Taken By Surprise, Kopfeck