MIA SAN DAGENG! Der Film und die CD-Reihe

Booklet DVD Mia San Dageng!

Filminfo aus dem Booklet zur DVD

dvd'Mia san dageng! Punk in München' – der Zweittitel war einerseits notwendig, weil immer wieder Menschen, die der bairischen Sprache nicht mächtig sind, beim Haupttitel eher an ein China-Restaurant dachten.

Andererseits drückt er aus, dass der Film nur ein Teil ist vom umfassenden Punk-in-München Projekt, dem wiederum wir gern die Erläuterung 'Versuch einer artgerechten Dokumentation' hinzufügen.
Und dem Projekt lag in gewisser Weise auch die Punk-in-München Serie zugrunde, die im Kruzefix-Fanzine über die ersten 10 Nummern hinweg (ab 1996) Interviews mit Punk Veteranen der Münchner Szene brachte. So sollte ein richtig fettes Buch entstehen, im Punk-Layout mit vielen, vielen Bildern und anderen graphischen Elementen, in dem die verschiedenesten Protagonisten im O-Ton über Punk speziell in München berichteten. Mit dem Ziel klarzustellen, dass auch hier in der Weißwurstmetropole von Anfang an der Punk-Funken zündete und gerade hier die bairische Geradlinigkeit in ihren Grundfesten erschütterte...
Um die Erinnerungen der Beteiligten aufzufrischen und die Redseligkeit derselben anzustacheln, begannen wir, monatlich sogenannte 'Konstruktive Treffen' zu veranstalten, mit einem schönen Rahmenprogramm, in dem wir neben live Konzerten und DJ-Sets mit Münchner Punk die Ergebnisse unserer Recherche präsentierten: Fotos, Filmschnipsel, Fanzines, etc.

Die Wiedersehensfreude war groß – manche hatten sich wirklich über 20 Jahre nicht mehr getroffen – und schnell war eine Vertrauensbasis geschaffen, die viele anregte, ihr persönliches 'Archivmaterial' aus Kisten in miefigen Kellern und staubigen Speichern zu kramen.
Das Material war wirklich überwältigend! Sehr bald wurde uns klar, dass ein Buch allein nicht ausreichen kann, um die Vielfalt von Punk wirklich 'artgerecht' darzustellen. Tonträger müßten her, ein Film müßte gemacht werden, eine Ausstellung müßte organisiert werden – und wir gaben uns einen Ruck und nahmen die Sache einfach frontal in Angriff. Der logisch erscheinende erste Schritt war, einen Profi zu suchen, der schon Filme im Punkbereich gemacht hatte, und mit ihm zusammen was aus dem tollen Ursprungsmaterial zu basteln. Zwei Jahre werkelten wir in praktisch jeder freien Minute am Film, Material wurde eindigitalisiert, Interviews gedreht und Konzerte mitgeschnitten – aber irgendwie hatten wir immer mehr das Gefühl, auf dem Holzweg zu sein.

In vielen Fragen und thematisch 'künstlerischen' Auseinandersetzungen kamen wir immer häufiger an einen Punkt, wo der Profi sagte, unsere Herangehensweise sei eben unprofessionell, so 'dürfe man das nicht machen', das entspräche nicht den Regeln. Es war zum Verzweifeln – aber irgendwann wurde uns klar, dass diese Zusammenarbeit nicht die Früchte tragen würde, die wir uns vorstellten, sondern allenfalls zu einer 08/15 Doku über Punk führen konnte, die alle Klischees bediente, die andere schon zum Abwinken vor sich hertrugen.
Wir trennten uns radikal, warfen notgedrungen alles Material über Bord und fingen bei Null wieder an. Naja, nicht ganz, denn nun wußten wir zum einen genau, was wir eben NICHT wollten und zum anderen war uns auch klar geworden, dass wir, um eine Doku 'von innen' machen zu können, viel mehr noch mit den betroffenen 'Protagonisten' zusammenarbeiten mussten.
So entwickelten wir die Konzepte für die einzelnen Kapitel im Teamwork, zum Beispiel beim 'Flexhead-Orden', den keiner besser hätte darstellen können als der Gründer Don Chaos selbst, oder bei 'Freizeit 81', wo wir uns mit den damals verurteilten 'Mitgliedern der Terrorgruppe' auf die personen-ungebundene Darstellung im Fanzine-Stil einigten, oder beim historischen Teil, wo wir mit dem Sprecher und Spezialisten für bairische Gegengeschichte, Carl-Ludwig Reichert, den Text zusammen erarbeiteten. Wir bauten ganze Bausteine ein, die die Leute selbst nach ihren Vorstellungen angefertigt hatten, zum Beispiel die Interviewteile mit A+P.
Das, was vorher Notwendigkeit gewesen war, wurde Konzept: dass wir mit vielen unterschiedlichen Kameraleuten, Cuttern und Grafikern arbeiteten, paßte wunderbar zu unserer Vorstellung einer Doku-Collage aus bunten Material-Schnipseln. Wir erhielten mannigfaltig Unterstützung von verschiedensten Leuten, fanden mit dem TV-Werk München einen großzügigen Sponsor für die Postproduktion, bekamen Hilfe von Michael Bentele, der für eine Woche nicht nur sich und sein Wissen als Regisseur, sondern auch Kameramann Arno samt Ausrüstung kostenlos zur Verfügung stellte. Unser Werk nahm immer mehr Gestalt an, trotzdem waren wir ständig auf der Suche nach weiterem Material, von dem wir wußten, dass es existierte oder zumindest exisitiert hatte. Das war teilweise richtige Detektivarbeit! Leider mussten wir feststellen, dass auch einiges wertvolles Material zwischenzeitlich verloren gegangen oder unbrauchbar geworden war. Wir waren zu Archivaren geworden, was eine ziemlich verantwortungsvolle Aufgabe ist.

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Als ersten Teil des Punk-in-München Projektes konnten wir die Tonträgerreihe präsentieren, zumindest die beiden historischen CDs 'Hits und Schmankerl' und 'Raritäten und Spezialitäten'. Ursprünglich sollten alle Teile des Projektes gleichzeitig an die Öffentlichkeit gehen, aber das stellte sich als unmögliches Unterfangen heraus. Man darf auch nicht vergessen, dass die ganze Arbeit an Buch, Film, CD-Reihe etc. ja in unserer 'Freizeit' gemacht werden musste... So war dummerweise auch der Film aufgrund ungeahnter technischer Probleme noch nicht wirklich ganz fertig geworden zu unserem Releasefestival im Mai 2007 in der Münchner Muffathalle.
Wir hatten zwar eine Version, die man präsentieren konnte, und es war total überwältigend, dass die über tausend Zuschauer wie gebannt den über 100 Minuten unseres Filmes folgten und die Resonanz sehr gut war – aber richtig zufrieden waren wir selbst noch nicht. Also finanzierten wir mit den Einnahmen des Festivals und dem Verkauf von T-Shirts und CDs etc. die komplette Schnittüberarbeitung bei einem anderen Post-Produzenten. Und endlich, im November 2007 war es dann soweit: Kinostart für 'Mia san dageng!' – natürlich im Werkstattkino, Münchens legendärem Punk- und Underground-Kino. Herausgekommen war eine viel kompaktere, rasantere Version, die vorallem zum Schluß hin die uns so wichtige Aussage, nämlich dass Punk in München nach wie vor sehr lebendig ist und überhaupt nichts an seiner Daseinsberechtigung verloren hat, ganz klar rüberbringt. Und: die Reaktionen von Publikum und Presse zeigten, dass sich auch dieser Schritt gelohnt hatte.

Da wir keinen großen Verleih im Rücken hatten, sondern uns auch in der Hinsicht für einen eigenen Weg entschieden und uns persönlich darum kümmerten, dass der Film deutschlandweit in die Kinos kam, konnten wir dann auch die Resonanz hautnah miterleben. Wann immer wir konnten, gingen wir mit unserem Film auf Tour, lernten supernette Kinomacher kennen, redeten mit unzähligen Zuschauern, mit alten und jungen Punks und anderen Revoluzzern über Herangehensweise, Idee und Umsetzung von 'Mia san dageng!'und hatten neben mordsviel Arbeit auch jede Menge Spaß! Wichtig ist auch, dass so unser Konzept aufging und die Kinoauswertung tatsächlich die Produktion dieser DVD finanzieren konnte. Das ist schon beachtlich, denn bei großen Mainstream-Produktionen wird häufig andersherum kalkuliert: die Verluste der Kinoauswertung werden als Werbeetat für den DVD-Verkauf verbucht.

Wir möchten an dieser Stelle nicht nur allen Mitwirkenden danken, sondern auch euch, die ihr den Film vielleicht schon vorher im Kino oder anderswo angeschaut habt, unsere Konzerte besucht, CDs gekauft, T-Shirts bestellt, etc. denn ohne euch wäre es nicht möglich gewesen, dieses Projekt wirklich komplett unabhängig zu realisieren. Stay Punk! Katz & Olli (2008)

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